“WARST AUCH DA?”
TANZ DER VIREN II
An der U-Bahnstation Giselastraße steigt an diesem Samstagnachmittag Ferdl Ostler in die U6 nach Garching. Widerwillig hat er die Maske aufs Gesicht gezogen – früher hat er das Ding ja getragen, aber seit ein paar Wochen verweigert er sich dem staatlichen Zwang, so gut er kann.
In den Öffentlichen trägt der Ferdl Maske. Er will sich nicht mit den Kontrolleuren anlegen. Und Ordnungsgelder kriegen die erst recht nicht von ihm.
Wäre ja gelacht. Was die „Ordnung“ nennen, ist bösartige Willkür. Die Genugtuung, dass er ihnen was zahlt, gönnt er ihnen nicht. Keinen Cent kriegen sie.
Er sitzt in der U6 und guckt mit bösen Augen in den Waggon.
Lauter Robotniks. Humanoide, schon jetzt. Amazon-Sklaven. Ferngesteuertes Schlachtvieh. Androide, enteierte. Homunkulen.
Sie machen mit ihren Smartphones rum und merken nicht, wie sie kontrolliert werden. Sie bewegen sich von hier nach da und meinen, sie hätten ihr Leben im Griff – dabei werden sie gelenkt und getrieben. Sie lachen, aber es gibt nichts zum Lachen. Sie sollten heulen und aufjaulen, sie sollten sich wehren und in den Kampf ziehen. Tun sie nicht, sie warten, bis sie dran sind.
Sie reihen sich ein in die Schlange der Opfer.
Ferdl möchte sich die Maske vom Gesicht reißen – ihm wird schlecht, wenn er diese „Bürger“ sieht.
Er zieht das Handy aus der Jacke, wählt.
„Grahammer?“
„Servus, ich bin‘s, der Ferdl.“
„Super, hab‘ grad an Dich gedacht. Es bleibt dabei: Du kommst heut‘?“
„Bin in der U-Bahn.“
„Wo bist denn?“
„In zehn Minuten in Garching.“
„Schon? Spitze. Ich schick Dir wen, der holt Dich ab.“
Ferdl drückt die Aus-Taste und entspannt sich. Alles gut.
Der Grahammer ist schon ein verreckter Hund. Gut, dass man sich getroffen hat. Mit dem Grahammer kann man gut in den Kampf ziehen.
Endstation. Ferdl stapft die Treppen hoch, stellt sich draußen unter ein Vordach. Der Sturm treibt nassen Schnee über die Straße.
Ein Mann mit einem eingerollten Plakat nähert sich. „Sag, fahrst Du eventuell zum Grahammer?“
Ja, sagt der Ferdl. Der Andere stellt sich als Severin vor. Er habe sich gleich gedacht, dass der Ferdl einer von ihnen sei. Er komme gerade von der Demo.
„Warst auch da?“
„Ja“ lügt der Ferdl.
Der Wagen vom Grahammer fährt vor. Der Chauffeur: ein Neger.
Passt, denkt der Ferdl.
Herrenmenschen, er und der Severin und der Grahammer.
Das deutsche Volk, die aus der U-Bahn und der Rest, die auf dem Holzweg.
Und dann noch die Neger, die schwulen Priester und die Anderen.
Passt schon.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
