VÖGELN
TANZ DER VIREN II
Er wacht auf. Durchgefroren ist Hans, klamm bis in die Zehen.
Er ist ein routinierter Trinker gewesen – aber jetzt entgleitet ihm die Sache. Jetzt reißt der Film fast jedesmal, vor dem schwarzen Schlaf ist er nicht mehr sein Herr. Nach dem schwarzen Schlaf weiß er nicht, was gewesen ist.
Das ist ungut.
Er blickt sich um.
Der Baumstumpf. Auf dem hat er gesessen. Jetzt liegt er, der Hans, den Rucksack als Kopfkissen, auf dem Boden.
Es ist lichter Tag. Wo steht die Sonne? Ach, da drüben, okay. Dann ist es jetzt Morgen, also hat Hans eine Nacht im Wald geschlafen, er fühlt sich auch so, die Muskeln spannen, den Kopf kann er nicht schnell drehen, gichtig verkrümmt sehen die Finger aus.
Sehr ungut, all das.
Der Wald. Die Sonne. Der Rucksack. Der Steig, auf dem er hierher stiefelte.
Unten das Tal.
Muss viel Arbeit gewesen sein, hierher zu kommen.
„So!“ sagt Hans. Aber er denkt nicht „so!“, im Sinne von „weitermachen, anpacken“.
Er ist am Ende.
So.
Es fällt schwer, bergab zu steigen. Hans erreicht den Bach, den er von früher kennt.
Leine, Obere Leine.
Er zieht sich aus, nähert sich dem Wasser, es ist sehr kalt, ihn schaudert, schnell wäscht er sich, sogar den Kopf, er steigt aus dem Bach.
Ist ja schön, denkt er, dass der Herbst lau ist. Dann kann ich jetzt trocknen. Dann wird das Zittern auch wieder aufhören.
Hans, der zu Beginn des Sommers noch geglaubt hatte, er würde alles schaffen (wegen seines Vorarbeitens auf dem Feld und wegen der Freude am Leben und seinetwegen), zieht sich an. Seine Kleidung riecht nicht gut, er ist nicht gut.
„Alles“ wollte er schaffen – damit hat er gemeint, dass er vor nichts Angst hatte.
Jetzt wird ihm nichts mehr gelingen, so fühlt es sich an. Die Kerze ist abgebrannt, der Docht verglommen.
Bist ein mäßig lebendiger Toter denkt Hans.
Aber er wird hinunter gehen ins Tal.
Man weiß ja nie.
Gleich geht er los.
—
Er denkt an Janine.
Nein, es waren nicht die Leidenschafts-Dinge. Im Bett aufwallen, untereinander, übereinander, gegen- oder miteinander. Schweiß. Atem. Keuchen. Kommen. Liegen bleiben.
Nein, das war es nicht.
Vielleicht sind diese Sex-Dinge mal wichtig gewesen – aber er erinnert sich nicht mehr genau. Nicht, wenn er an Janine denkt. Und nicht, wenn ihm die Anderen einfallen.
Einmal fuhr er mit einer an einen Platz außerhalb der Stadt. Da hatte sie ein Ferienhaus, da würde man vögeln.
Man freute sich.
„Was essen wir?“, fragte er, weil er ein vorhersehender Mensch ist.
„Weiß nicht“, sagte sie.
„Dann müssen wir einkaufen.“
„Au ja“, sagte sie.
Sie war eine verwöhnte Frau. Ging nicht oft in den Supermarkt. Nun folgte sie ihm und seinem Einkaufswagen.
Sie kauften. Immer mehr und mehr. Sie kam und brachte Neues. Käse. Sprossen. Crème fraiche. Alles ohne Verstand, sie hatten keinen Plan.
Er sagte: „Ich kaufe jetzt einen Wein für Dich. Da kenne ich mich aus. Willst Du weiß oder rot?“
„Und Du?“
„Egal. Weiß oder rot?“
Sie kochten. Er machte, sie kuckte zu. Er spürte, wie sie sich in den Mann am Herd verliebte, er war geschmeichelt.
Sie aßen. Weißer Wein für sie, er trank Wasser.
Sie liebten sich. Schmiegsam, fügsam, langsam.
An solche Dinge erinnert sich Hans, bevor er zu Tale geht.
Hans hat wirklich schon bessere Tage gehabt, das ist außer Zweifel.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
