VERLASSEN
TANZ DER VIREN II
Die Frau auf der Parkbank an der Biedersteiner Straße ist eine gepflegte Person. Niemand sieht ihr an, wie verloren sie sich fühlt.
Viel Geld hat Hermine Angerer nicht, sie kann sich keine Extravaganzen leisten. Aber sie achtet auf sich. Die Schuhe sind geputzt, die Blusen gebügelt, den Walser Rock aus dunklem Loden hat sie, immer frisch aus der Reinigung, in dreifacher Ausführung. Hermine trägt keine Hosen, aus Prinzip nicht.
Ein bisschen Kölnisch Wasser legt sie auf, die Haut cremt sie sorgfältig mit Nivea. Sie duscht jeden Abend, der Zahnarzt hat unlängst ihre vorbildliche Mundhygiene gelobt.
Und nach den Monaten der Isolation war Frau Angerer unter denen, die sich für die erste Woche nach der Wiedereröffnung einen Termin bei ihrem Friseur gesichert hatte. Waschen. Schneiden. Eine kleine feine Dauerwelle – es war ein herrlicher Nachmittag. Beim Verlassen des Coiffeurs schimmerte das Haar silbergrau und frohgemut.
Gestern war im Fernsehen die ebenfalls piccobello frisierte Kanzlerin zu sehen, in einem teuren hellen Kostüm, mit ein wenig Schmuck am Hals.
Und Frau Angerer dachte: Krank könnte sie sein, die Merkel. Die ist doch zehn Jahre jünger als ich. Aber sie sieht aus, als macht sie es nicht mehr lange.
Hermine Angerer erinnert sich, jetzt auf der Parkbank, an den Fernsehabend mit der Kanzlerin und erschrickt ein wenig über sich selbst.
Früher hat sie nix auf diese Kanzlerin kommen lassen. War doch beeindruckend, wie sich Frau Merkel in der Welt der Männer durchsetzte. Sie hatte etwas Verlässliches. Wenn Angela mit ihrem Gatten in Südtirol Winterurlaub machte, sagte Hermine Angerer, die Ferien hat sich die Kanzlerin ehrlich verdient. Wenn die Wagner-Liebhaberin Merkel (mitsamt Gemahl) über den Roten Teppich in Bayreuth ging, wurde sie von Hermine Angerer aus München-Schwabing vorbehaltlos angehimmelt. Und wenn sie sich dann noch vom Obama oder vom Macron oder von Jean-Claude Juncker abbusseln ließ, dann war Hermine ganz exaltiert.
Selbst Willi Angerer sagte nach der ersten Amtsperiode der Angela Merkel, er werde von nun an nicht mehr die Sozis wählen.
Dann kam diese große Krankheit – und von Monat zu Monat verlor Hermine das Vertrauen.
Gestern hörte sie der Kanzlerin zu und hatte nur ein Wort im Kopf:
Lügen.
Lügen.
Lügen.
Sie mag ihre Kanzlerin nicht mehr. Hermine Angerer aus Schwabing ist zornig, weil sie verlassen worden ist.
Auch dem Markus Söder will sie sich nicht mehr anvertrauen.
Es gibt niemanden da oben, dem sie folgen würde.
Ich bin hier ganz allein. Irgendwann werde ich mich anstecken, dann ist es auch schon wurscht. Dann bekomme ich keine Luft mehr, sie hängen mich an ein Beatmungsgerät – und weil ich alt bin, werde ich doch sterben. So wird es sein.
Bis dahin tankt sie noch ein wenig Sonne. Sie hofft auf den Besuch der Kinder und geht ihrem Alltag nach.
Hermine Angerer seufzt. Sie sieht zwei jungen Frauen in luftigen Sommerkleidchen nach, hört, dass sie über aktuelle Geschichten mit Männern reden.
Die leben in einer ganz anderen Welt.
Das Handy von Hermine Angerer spielt die ersten Takte von „Für Elise“. Sie holt es aus der Handtasche und sieht aufs Display.
Es ist nicht die Nummer von einem Kind und auch nicht die von einer Freundin. Die hat sie im Kopf.
Wahrscheinlich hat sich jemand verwählt. Wer soll sie schon anrufen?
„Für Elise“, noch einmal und noch einmal.
Hermine Angerer drückt auf den Empfangen-Knopf.
„Ja?“
Eine nette junge Frauenstimme.
„Spreche ich mit Frau Angerer?“
„Ja, bitte.“
„Hier ist die Praxis Westermann. Darf ich Sie zum Herrn Doktor durchstellen?“
„Ja, bitte.“
Es knackt in der Leitung. Hermine Angerer hat Panik. Das kann nur etwas Schlimmes sein.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
