VERBERGEN
TANZ DER VIREN
27. Juli
GESCHLOSSENE II)
DER RADIO (jetzt kommt die Stimme des Ministerpräsidenten aus dem Lautsprecher): Die Lage ist ernst. Sehr ernst. Wir müssen eine zweite Welle vermeiden. Verhalten Sie sich weiterhin mit großer Vorsicht. Bleiben Sie möglichst unter sich, laden Sie niemanden ein. Gehen Sie spazieren – alleine. Seien Sie im Urlaub umsichtig. Wir sind wachsam – am Ende bleibt nur die bayernweite Ausgangssperre. Wenn es keine Unterstützung gibt, dann müssen wir handeln.
JEREMY: Echt komisch, der Mann. Ob er das glaubt, was er da verzapft?
LINA: Auf den lass‘ ich nichts kommen. Der weiß, was er tut.
FRANZ: Uns kann das doch egal sein.
JEREMY: Nicht ganz. Mich lassen sie nicht mehr zum Laufen naus.
FRANZ: Ich habe mich eh gefragt, was das ist mit Deiner Rennerei.
JEREMY: Es tut mir gut. Ich bin da draußen und denke, alles wird wieder gut.
LINA: Wie? Du darfst doch gar nicht vom Gelände weg.
Jeremy: Ist nicht nötig. Ich laufe immer an der Mauer entlang. Hinterm Café vorbei. Um die Burg rum. Dann kommen die Wirtschaftsgebäude und ein kleiner Wald. Ist eine schöne Runde.
JOSEF (er ist neu in der Geschlossenen. Vor vier Tagen haben sie ihn gebracht. Jetzt hat er den ersten Entzug hinter sich, ist aber noch nicht rasiert und ziemlich ramponniert): Was ist das? Die „Burg“?
FRANZ: Wenn Du spazierengehen darfst, musst Du es Dir anschauen. In der „Burg“ sperren sie die Unverbesserlichen weg. Man hört nichts, wenn man am Haus vorbei geht. Stacheldrahtzaun rundrum. Manchmal steht einer von denen in der Sonne und raucht. Total blass sind die. Und gefährlich.
LINA: Ich hab‘ gehört, da gibt es welche, die gar nicht mehr raus dürfen. Denen schiebt man das Essen unterm Gitter durch.
Franz: Darfst nicht alles glauben, was Du hörst. Mal was Anderes: Josef, wie bist Du denn her gekommen?
JOSEF: Blöd gelaufen ist das. Aber mir ist es ganz recht. Bin ich erst mal weg.
LINA: Das darfst laut sagen. Ist doch schön, wenn man in der Klapse sitzt – wo drumherum ein einziges Irrenhaus ist.
