TOLL! TOLL! TOLL!
berlin, 22. januar 2015
Die händisch mäßig bedeckten Brüste der Claudia Schiffer begleiten den Mode- und Fotografie-Freund in eine neue Ausstellung im Kulturforum der Hauptstadt. Dort sind 125 Arbeiten des Peruaners Mario Testino zu sehen. „In your Face“ ist der Titel einer Werksschau, die seit Beginn der Modewoche mit schönen Berühmtheiten lockt. Claudias Brüste inklusive.
Mario Testino gab sich anfangs der Woche höchstselbst die Ehre. Geschniegelt, gebügelt und allerbester Laune lud er zum Auftritt in eigener Sache.
Einer wie Testino tritt bei solchen Anlässen mit gesundem Selbstbewusstsein auf (ansonsten würde er in der Welt der Schönen wohl auch keine Schnitte machen). “Menschen packen andere Menschen in Schubladen”, sagte der Fotograf bei der Ausstellungseröffnung, “und ich will, dass meine Schublade geräumig und aufregend ist”. Gefragt, wie er Hollywoodschauspieler und Supermodels vor die Linse bekomme, antwortet der Star-Fotografen-Star: “Ich bin Mario Testino”.

Und legt anschließend einen knitterfreien Auftritt in Sachen politischer Korrektheit hin. Berlin? Berlin, sagt er, ist toll. Toll, toll, toll. Er hat hier “ein überwältigendes Gefühl von Neuanfang und Heilung” ausgemacht. “Berlin ist Heimat für Künstler und Kreative. Obwohl es eine große, erwachsene Metropole ist, gibt es hier einen Geist von Freiheit: Man darf sagen, was man denkt. Und man darf sich Zeit lassen. Es ist, als gingen die Uhren hier langsamer als anderswo.”
Gerade der richtige Ort, sich seiner Obsession hinzugeben. “Sex. Sex ist eines der Leitmotive meiner Arbeit. Wer sich mit Sex beschäftigt, ergründet Fragen der Identität, der menschlichen Seele, der Selbstachtung und der Neugier.”

Und so zieht die Karawane der Testosterinos von einem übermannshohen Muskelmenschen zur nächsten wandbedeckenden Nackerten. Die abgelichteten Herrschaften haben alle große Namen – Madonna, Robbie Williams, Kate Moss oder so – und sie wissen, was passiert, wenn sie sich vor Testinos Kamera exponieren. Man wird über sie reden.
Sex? Naja, wer den Sex in den Fotos spürt, wird ihn schon mögen. Es gibt aber auch erkennbar Besucher, die die Ausstellung mit einer gewissen Sinneskälte absolvieren. Der Aufseher in Raum 1 blickt einem ratlosen Gast des Kulturforums hinterher und sagt: “Die meisten mögen’s. Manche auch nicht. Groß sind die Fotos ja. Und bunt ooch. Aber man muss ’se ja nich lieben. Es gibt ebent so’ne und so’ne Menschen.”
Für die Unentschlossenen hätte der Künstler noch einen Rat: “Man muss loslassen. Nur dann kann man überrascht werden. Wir haben viel zu oft viel zu viele Mauern in unserem Leben und schränken uns ein. Berlin hat mich davon befreit.”

Das erklärt Testino bei der Eröffnung der Ausstellung erklärt. Man hat einen “tollen” Abend mit besten Weinen und unter ziemlich besten “Freunden”. Alles ist schick und schön und Modewoche pur. Und Senor Testino mittenmang.
Anderntags macht er sich privat noch eine schöne Zeit. Radelt „von Galerie zu Galerie“. Das ist so seine Art zu entspannen. Da schaut er dann im “Grill Royal”, im “Katz Orange”, im “Monsieur Vuong” oder im “Borchardt” vorbei. Oder er lässt sich schnell mal ein paar “Hemden bei meinem Freund Boris Radczun schneidern”.
Mario Testino, der Fotograf mit der Bügelfalte, ist ein “toller” Protagonist der Modewoche. Auf den Mann kann man bauen. Solche Freunde braucht die Stadt. Testino glaubt’s wahrscheinlich noch selbst, wenn er kostenfreie Werbung macht: “Am tollsten ist die pure Energie von Berlin. Die spüre ich sogar, wenn ich ausnahmsweise mal gar nichts tue. Kurz: Berlin ist einer der amüsantesten, klügsten, freiesten, lässigsten, neugierigsten und treuesten Orte, die ich kenne.”
Da macht es einem wie ihm doch Spaß, wenn man die City um Claudias Brüste bereichern darf. Gell?

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