TISCH UND BETT
TANZ DER VIREN II
Junger April in München. Die Sonne scheint, aber es ist sehr kalt. Zwanzig Minuten später jagen Schneeschauer durch Schwabings Straßen. Sonst radelt morgens um diese Zeit das Studentenvolk die Straße runter, in Richtung Uni, aber heute – so scheint es – bleiben die jungen Menschen zuhause.
„Hat der Papa wieder im Büro geschlafen?“
Martin Stäbler, der am Fenster steht und auf die verwaiste Straße sieht, hört die Frage seiner Tochter durch die geschlossene Tür. Dann Irenes missmutige Antwort.
„Der Papa muss viel arbeiten. Das blöde Home Office.“
„Achso“, sagt die Tochter. Renate ist ein kluges Mädchen. Man sollte sie nicht belügen.
Jetzt ist Roberts Stimme zu hören.
„Frühstückt er gar nicht mehr mit uns?“
„Lassen wir ihn arbeiten“, meint die Mutter.
„Ich weiß schon.“
„Was?“
„Home Office! Stimmt’s?“
„Ja“, antwortet Stäblers Frau Irene.
Sie sollte wirklich aufhören, den Kindern Märchen zu erzählen.
Irene und Martin Stäbler haben vor einer Woche versucht, ihre Wortlosigkeit wegzureden.
Die Kinder waren im Bett. Irene hatte zwei nach Kirsche duftende Stumpenkerzen angezündet. Martin hatte Rosé eingeschenkt. Aus den Lautsprecherboxen kam dezente Lounge-Musik, die mochten sie beide, weil sie an schöne Abende erinnerte.
Sie waren sich einig:
So darf es nicht weitergehen.
„Wenn die in der Politik die Kurve nicht kriegen…“, meinte Renate.
Martin unterbrach sie. Er habe aufgehört, auf „die“ zu vertrauen. „Wir müssen das überstehen, ohne dass uns dabei einer hilft.“
„Wie soll das gehen?“
„Was heißt da ,Wie soll das gehen?‘ – hast Du eine andere Idee?“
„Nein. Aber was können wir denn tun?“
„Wir passen nur noch auf uns auf. Wir sind zu viert, und wir müssen zu viert durchkommen. Die Kinder haben es schwer, schon klar, aber sie werden uns nicht auf der Nase rum tanzen. Wir werden uns selbst unsere Regeln geben – und wir werden uns dran halten.“
„Und wir? Du und ich?“
Funktionieren werde man. „Das mit der Liebe und der ganze romantische Quark – vergiss‘ es.“
Renate sah ihren Mann erschrocken an. Wie er das meine: die Liebe vergessen?
„Wie ich es sage. Keine Zeit dafür. Jetzt überleben wir erst einmal – dann sehen wir weiter.“
Sie blies die Kerzen aus, ließ den Rosé stehen. Als sie aus dem Wohnzimmer ging, drehte sich Renate noch einmal um. Sie sah ihren Mann zornig an.
Gut, sagte sie.
Dann mache man das so. Er solle bitte so nett sein und in seinem Arbeitszimmer übernachten.
Okay.
Bittesehr.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
