SPASS MIT BULLEN
TANZ DER VIREN II
Severin ist kein appetitlicher Typ. Bartstoppeln verfinstern sein flächiges Gesicht, die Augen liegen tief, die Sklera ist von roten Adern durchzogen (dass der Severin ein Säufer ist, weiß man, jetzt hält er sich auch nicht mit Weißbier auf, er trinkt nach einem Schnaps zum Aufwärmen Rotwein).
Hochgewachsen und ungeschlacht ist er; als Severin seine Militärjacke auszog, ist ein Schwall feuchter Pernnerschweiß in Grahammers Atrium ausgedünstet.
Jetzt lümmelt er im Lambert-Continental-Loungesessel und hat keine Ahnung, dass sein Arsch auf schwarzem 3000 Euro teuren Gauchino-Leder wetzt. Nur unterbrochen vom Nippen am Spanischen Roten erstattet Severin Rapport. Er hat, das muss man ihm lassen, eine raumfüllende tiefe raue Stimme. Wenn man die Augen schließt, könnte man meinen, ein harter Kämpfer erzähle von der Demo in der Stadt – und berichte von einer großen blutigen gewonnenen Schlacht.
Wir haben nicht gewusst, wieviele wir werden. War ja nur ins Internet gegangen, die Meldung.
Unsere Gruppe war vollzählig. Wir sind aus dem Lehel, man kennt sich von früher, da hat es noch keine Pandemie gegeben. Aber wir haben schon damals gewusst, dass es in den Graben geht mit uns. Wir haben die in Berlin schon durchschaut, da war noch alles ruhig.
Jetzt sind wir eine Truppe, die keiner auseinander bringt. War klar, dass wir geschlossen zur Demo hin sind.
Als wir zum Maximilianeum gekommen sind, waren wir platt. Die Demo war für 500 Leute angemeldet, aber das waren viel mehr. Bei dem Scheiß-Wetter.
Wir sind los gezogen. Klar, ohne Maske und den Scheiß. Unsere Gruppe hat ein Plakat dabei gehabt, das hat die Bullerei gefilmt, und die vom Fernsehen haben es auch gebracht.
KEINE HYGIENE-DDR!
Dazu hat jeder einen Button angesteckt, cooles Teil.
RUF DER TROMMELN – ICH LASS MICH NICHT IMPFEN!
Vom Landtag sind wir runter zur Maximilianstraße, da haben sich die Portiers vom „Vier Jahreszeiten“ hinterm Eingang versteckt.
Alle haben sie Angst gehabt – auch die Bullen.
Die haben’s mit Reden versucht. Zuerst jedenfalls. Dann ist ihnen der Kragen geplatzt, und sie haben ein paar von uns aus der Demo gegriffen und zu viert, fünft, sechst auf den Bürgersteig oder zu den Bullenwägen geschleppt. Personalien feststellen, mit Strafen drohen, das ganze Theater.
Wir haben uns nicht irre machen lassen. Was sollen sie gegen tausend Menschen tun, die sich nicht wehren? Aber jeder von uns hat ein Handy und nimmt alles auf. Während wir so in die City gezogen sind, haben wir das live ins Internet gestellt – und die Bullen konnten nichts tun. War ein großer Spaß.
Dann haben sie mit Lautsprechern verkündet, dass das verboten ist, was wir tun. Weil wir so viele sind und nur 500 angemeldet haben. Deswegen müssen sie die Demo jetzt auflösen.
Wir sind einfach weiter. Zum Odeonsplatz, hinters Rathaus, auf den Marienplatz.
Dort haben sie uns dann aufgelöst. Hat nicht viel gefehlt – und sie hätten uns verprügelt, so wütend, wie sie waren.
Sie haben ziemlich gebraucht, bis der Terz zu Ende war. Wenn sie am einen Ende die Leute isoliert hatten, hat sich auf der anderen Seite vom Platz wieder ein Haufen gefunden und wir haben unsere Lieder gesungen. Sie haben voll zu tun gehabt, die Bullen. War echt geil.
Lächelnd hören die anderen Gäste von Mischa Grahammer dem Severin zu. Solche Prolls wie ihn braucht es im Kampf gegen das System. Severins sind das Kanonenfutter.
Sie sind die, die die Kanonen abfeuern.
Severin ist fertig. Mischa reckt den Daumen hoch, prima, soll das heißen. Severin ist sehr froh und trinkt das Glas leer.
„Nimm die Flasche mit“, sagt Mischa. „Wir gehen in den Keller. Da redet es sich besser.“
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
