SIEGESTOR
TANZ DER VIREN II
Als der fluchende Ferdl dem Park an der Biedersteiner Straße den Arsch zu kehrt, ist das Fußballspiel der Türken in der letzten Phase.
Und Hatice wird gleich das entscheidende Tor schießen.
Noch zehn Minuten. Die Mannschaften sind mit Bedacht zusammengestellt worden, sie liefern sich ein spannendes Match. Viele Tore fallen, auf beiden Seiten – noch immer steht es unentschieden.
Die Jungs lassen sich jetzt gerne auswechseln. Es muss viel gerannt werden, und sie sind keine Leistungssportler. Jetzt fallen kaum noch Tore, dafür fehlt den Leuten die Kraft.
Eine geht nicht vom Feld. Hatice spielt durch, und die Kerle an ihrer Seite sind froh drum. Als Offensiv-Frau ist sie sich nicht zu schade, zurückzulaufen und in der Verteidigung zu helfen. Sie trainiert viermal in der Woche, wahrscheinlich hat sie die besten Werte auf dem Feld.
Das lange schwarze Haar hat sie auf dem Kopf verknotet, eine Mütze trägt sie nicht. Handschuhe gegen die Kälte schon. Lange dunkelblaue Trainingshose, Funktionswäsche, wattierte gelbe Laufjacke, drüber das grüne Leibchen ihrer Mannschaft (das sieht in der Kombi ziemlich grell aus), Noppenschuhe für nassen Rasen.
Noch zehn Minuten.
Der Torwart der Grünen fängt einen Schuss auf sein Tor. Blickt übers Feld.
„Hatice!“
Sie startet.
Der Torwart schlägt weit ab. Bis vor den Strafraum der Gegner wird der Ball fliegen. Den kriegt doch keiner. Die meisten Spieler gucken nur zu. Das macht keinen Sinn, da hinterher zu rennen.
Hatice ist sehr schnell. Schön läuft sie, kraftvoll, mit durchgedrückten Kreuz, den Ball fixierend. Da fliegt er, da kann sie ihn mit der Brust mitnehmen (sie hat übrigens eine sehr weibliche Brust, die sie mit einem strammen Sport-BH verschnürt).
Der gegnerische Torhüter – ein massiger Vollbärtiger – stürmt auf Hatice zu.
Sie schlägt einen Haken, der Vollbart-Türsteher rutscht ins Leere, Hatice legt sich den Ball noch einmal mit einem Tupfer vor, sie ist immer noch sauschnell, dann beendet sie die Aktion. Der Ball kullert ins Tor, die Stürmerin tut einen Kiekser, bremst, dreht sich um, lacht den Kollegen entgegen.
Die freuen sich, als ob Besiktas gegen die Bayern in Führung gegangen wär‘.
Natürlich umarmen sie Hatice nicht. Das ziemt sich nicht. Das hat man auch vor Corona nicht getan. Damals hat man ihr nach so einer Aktion vielleicht auf die Schulter geklopft, heute darf man die Ellbogen aneinander schubbern.
Also: allgemeines Geschubber. Ist politisch voll korrekt, die Merkel macht das auch mit dem Erdogan.
Es passiert nichts mehr bis zum Schluss, die Grünen gewinnen. Die Männer holen Handtücher aus den Sporttaschen, machen die verschwitzten Oberkörper nackig, rubbeln sich trocken und ziehen sich was Kuscheliges an.
Hatice zuppelt eine Wollmütze aus ihrem Rucksack. „Bis nächste Woche dann.“ Die Jungs rufen Freundlichkeiten zurück.
Sie steigt aufs Bike – und weg ist sie.
Das ist immer ein blöder Moment in diesen Zeiten. Normalerweise würde die Truppe noch irgendwohin ziehen, in ein Straßencafé, in einen Biergarten, in eine Wirtschaft. Und man würde tratschen wie die Waschweiber am Brunnen – Du glaubst gar nicht, was für Quasselstrippen die Kerle sein können.
Hatice würde dabei sitzen, lächeln und Tee trinken. Schön wäre das.
Wäre. Hätte. Könnte.
Ist aber nicht. Deswegen fährt Hatice, die Matchwinnerin, solo und stumm nach Hause.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
