SEHNSUCHT
TANZ DER VIREN II, Folge 79
In den Tagen nach der großen Aussprache war Martin Stäbler sich selbst sehr fremd. Er sah sich und seiner Familie zu – erstaunt, dass alles seinen Gang nahm.
Er ist fremdgesteuert – aber er hat keinen Schimmer, was mit ihm wirklich passiert.
Auch die Kinder kommen ihm vor wie hirnloses Vieh. Nun sind die Osterferien vorbei, Renate und Robert stehen muffig auf, mit verschlossenen Gesichtern schlurfen sie aus ihren Zimmern ins Bad, schlurfen zurück, latschen mit den Schulsachen über der Schulter in die Küche. Wortlos frühstücken Irene und die Kinder. Sie busselt Renate und den sich sträubenden Robert auf die Wange, sie hören ihr „Macht’s gut!“ gar nicht mehr, weil sie die Haustür schon zugezogen haben.
Jedesmal hört er Irene seufzen, dann räumt sie die Küche auf. Geschirr klackert, die Geschirrspülmaschine wird zugeklappt. Eine große Tasse wird auf die Tischplatte gestellt. Irenes Computer fiept, nachdem sie ihn eingeschaltet hat.
Er weiß, wie seine Frau jetzt in der stillen Küche mit angezogenen Knien auf ihrem Küchenstuhl kniet, sie trinkt ab und zu einen Schluck Kaffee, hat ein konzentriertes Gesicht.
Es ist die beste Zeit des Tages für Irene. Sie liest die Nachrichten – die Zeitung haben sie schon vor ein paar Jahren abbestellt. Irene Stäbler informiert sich über das Fernsehprogramm am Abend. Wenn sie etwas für den Haushalt braucht, bestellt sie es bei Amazon.
Dann meldet sie sich bei Facebook an.
Irene ist altmodisch. Instagramm und die Seiten der Jungen mag sie nicht. Sie hält es mit ihren Facebook-Gruppen.
Zuerst Yoga. Marlies aus dem Rheinland ist krank, muss das Bett hüten. Matis aus Tirol hat Schneeglöckchen-Fotos vom Osterspaziergang ins Netz gestellt. Nadja aus Berchtesgaden verkauft Urlaub: „Ein ökologisches Holzhaus für 4 Personen mit 2 Schlafzimmern 2 Badezimmer, Sauna-und Yogaraum ist unser erstes Bauprojekt überhaupt.“ Nicole aus Wetzlar schreibt über „Mutter Meera“: „Am besten gehst Du mit ihr in die Stille. Nur Dein inneres Gebet aussenden. Schicke ihr alles, was Du Dir wünschst, all Deine Schmerzen, Deine Nöte, Deine Sehnsüchte – ohne Zensur. Sie hilft mir immer, jedesmal auf andere Weise.“
Irene seufzt wieder. Aus Martins Arbeitszimmer ist kein Laut zu hören.
Sie wechselt die Community.
Jeden Morgen sieht sich Irene Bilder von Sylt an. Wellen, die gegen die Insel laufen. Wattwanderer mit vom Wind verstrubbelten Haaren. Leere Straßen in den Orten, ungerührte Leuchttürme. Einsame Rotweingläser im Sonnenuntergang. Texte, in denen immer wieder die Wörter „Einsamkeit“, „Sehnsucht“, „Hoffnung“, „Lichtblick“ oder „Trauer“ aufscheinen.
Die Fotos sind langweilig schön. Eines zeigt eine Armada in den Sand gesteckter Fackeln vor der Strandpromenade von Westerland. Jemand hat dazu geschrieben:
„Am Weststrand sind viele Seesterne angespült worden – ich hab schon lange nicht mehr so viele gesehen. Viele Gaststätten haben zu, weil die Betreiber sagen: ohne Touristen ist kaum ein Geschäft zu machen. Am frühen Abend dann zumindest ein paar Sonnenstrahlen, wie schön. Um Punkt 20.21 Uhr beginnt vielerorts auf Sylt die Aktion Licht Zeichen Setzen: ,Egal welche Branche, Mitarbeiter und Unternehmer, wir alle sind in unseren Existenzen bedroht‘, heißt es in dem Aufruf. Am Hauptstrand werden ein paar hundert Fackeln angezündet.“
Irene sieht sich in der Küche um. Keiner da. Gut so. Da kann sie kurz mal heulen.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
