SCHOOL’S OUT
TANZ DER VIREN II
Sie haben es momentan nicht leicht, die Stäblers. Einer von den Vieren spinnt immer. Robert und Renate, die Kinder, kommen am besten zurecht, wenn sie sich mit dem Computer oder dem Smartphone beschäftigen. Dann tauchen sie ab und erscheinen nur, wenn es sie hungert.
Aber so soll es nicht sein. Die Kinder sollen zuhause lernen, die Schule ist dicht. Lernstoff und Hausaufgaben finden sich im Computer – aber die Kinder nerven, weil sie Fragen haben. Und wenn sie die Eltern mit den Dingen konfrontieren, stellt sich raus, dass die Erwachsenen den ganzen Scheiß schon wieder vergessen haben.
Soviel zum Spruch, dass man nicht für die Schule sondern fürs Leben lerne.
Jeden Tag aufs Neue gerät Martin Stäbler in eine dieser beschämenden Situationen:
Das Kind kommt und fragt. Der Vater nimmt sich der Sache an.
Bis er klein beigibt.
„Echt, da kann ich Dir nicht helfen.“
Das Kind zieht ab (die aufgeschlagenen Schulbücher liegen auf dem Tisch, eine Installation des Versagens). Im Türrahmen dreht sich das Kind um und guckt den Vater mit diesem Blick an:
Alter, bist ja doch nicht die große Nummer. Eigentlich biste eine Niete, gib es doch zu.
Das Kind verschwindet, und Martin Stäbler fühlt sich sehr mies.
Es dauert nicht lang, bis Irene in der Tür steht.
„Das kannst Du nicht machen.“
„Was?“
„Das Kind braucht Dich – und Du hast keine Zeit.“
„Doch, klar, Irene, klar habe ich Zeit. Aber ich kapiere das nicht, was die von ihm wollen.“
„Hast Du jetzt Abitur oder hast Du keins?“
„Das ist doch gar nicht das Thema. Ich habe mich in der Schule schon durchgemogelt, wenn es um diese Sachen gegangen ist. Physik und Algebra, das war schon damals furchtbar für mich.“
„Diese Sachen! Diese Sachen! Weißt Du, wie lächerlich sich das anhört?“
„Ja: Diese Sachen!“
„Das Kind ist der dritten Klasse Gymnasium. Es geht doch hier nicht um Abi-Stoff. Robert, Du drückst Dich aus der Verantwortung.“
„Das ist ein Schmarrn. Und außerdem: Warum machst Du es nicht selbst, wenn Du es besser weißt? Abitur hast Du auch, soviel ich weiß.“
„Super. Lenk nur immer schön ab von Dir. Ich habe Wäsche, die Putzfrau kommt nicht mehr. Das Mittagessen muss auf den Tisch.“
„Klasse, ich mach‘ Dir einen Vorschlag: Ich übernehme das Kochen, und Du machst mit dem Kind Physik.“
„Ja, super – und nach dem Essen räume ich das Chaos in der Küche auf.“
Das ist der Moment, in dem Irene gerne geht. Das letzte Wort hat sie. Fassungsloser, wortloser Martin. Irene ab, mit einem großen dramatischen Rauschen.
Er sitzt am Tisch, vor sich die beschämenden Schulbücher – und er ist starr. Minutenlang tut Martin nichts. Er guckt durch die Wohnung und ist sich nicht über sein Gefühl im Klaren.
Zorn? Wut? Groll?
Ohnmacht? Klein-Sein? Einsamkeit?
Selbstmitleid? Scham? Entwürdigung?
Ist eigentlich egal. Es sind – und da beißt die Maus keinen Faden ab – Gefühle, die lähmen.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
