RADELN
TANZ DER VIREN II
Es war ein schlimmer Tag, als Hans die Kündigung als Erntehelfer bekam. Noch heute, beim Aufschreiben in der Hütte (es ist Nacht geworden), kommt der ohnmächtige Zorn wieder hoch.
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Ja, der Bauer hatte ihn auf dem Gewissen.
Aber deswegen riss er jetzt keine Roten Bete aus dem Feld. Das fühlte sich noch mehr nach Verlieren an.
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Hans radelte weg vom Feld (den Alkohol hatte er schon gekauft, er wusste, was kam). Einen unsommerlichen Wind gab es, garstige Autos, bald würde Abend sein.
Anfangs nahm Hans den gleichen Weg wie damals in den Erntehelfer-Zeiten.
Doch es fehlte was.
Es fehlten die Zufriedenheit, die Erschöpfung, die Sinnbarkeit des Arbeiters am Abend.
Hans fuhr weiter und weiter; manchmal sah er die Bergkette, dann sah er wieder nur Gänse im Gatter. Linkerhand ließ er die große Stadt hinter sich.
Mondhelle, einsame, nur von Hofhunden verbellte Nacht, Hans radelte weiter. Am Morgen waren die Berge gar nicht mehr so weit weg.
Nachmittags warf er das Rad in einen Graben. Der Hinterreifen war platt. Er hatte dieses alte, bockige Velo endgültig satt. Hans schulterte den Rucksack und marschierte zu Fuß weiter. Er war in den Ammergauern, ein Bike brauchte er nicht mehr.
Hans stieg nach oben. Schwitzend. Ohne Ziel. Es musste kein Gipfel sein.
Nach einer Stunde hatte er eine schöne Stelle gefunden.
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Ein Baumstumpf, Fichte, in Kniehöhe gefällt. Die Schnittstelle riecht noch nach Harz und Holz.
Prächtig sitzt es sich.
Hans packt aus.
Isjagut,dasseskeineKorkengibt,dieseDrehverschlüssesindprächtig.
Flasche auf.
Erster Schluck.
Flasche bald leer. Good Job.
Erinnerung an bessere Zeiten.
Rotwein. Nächste Bottel. Langsamer machen.
Erinnerung ans Feld.
Hat er im Supermarkt besorgt, den Rotwein. Mädchentraube. Gutes Gesöff, nicht so trocken. Gluckert gefügig durch den Schlund und nimmt Besitz vom Hans.
Ein Vogel plärrt.
Erinnerungen an die Lerchen vom Feld.
Hoppla. Fast flutscht sie ihm aus der Hand, die Flasche. Aufpassen!
Anderland.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
