NUR WEG!
sommer zwanzichfuffzehn XLIII
Hans Krohn tappte vorsichtig ins Wasser. Er ließ sich in den Fluss gleiten und schwamm prustend und ziellos. Ihm war noch ein wenig blümerant. Er hätte auch ein bisschen kotzen können, aber das schluckte er erstmal runter. Es dauerte eine Weile, dann begann er sich besser zu fühlen.
Angenehmes Wasser. Ein klein wenig brackig, aber das störte Krohn nicht. Seine Brustzüge wurden energischer, er glitt lang ausgestreckt nach vorn, den Kopf nur zum Atmen nach oben streckend. Sein Atem ging jetzt ruhig und tief, er fühlte sich stark und einig mit dem Fluss. Nach 20 Minuten ließ er sich treiben, rollte sich auf den Rücken, schaute in den Himmel. Schwalben hatten mit ihren morgendlichen Jagden begonnen. Ein paar Wolkenhäufen trieben langsam nach Osten. Sonst: Krohn allein, mit ruhigen Armschlägen und kleinen Wellen um sich herum. Ein blauer, sich aufheizender Sommertag. Krohn wendete, sah, dass sein Boot ziemlich weit weg war und schwamm zurück.
Er war allein. Kein Boot auf dem Wasser, kein Mensch in den Wäldern und auf den Äckern. Krohn rubbelte sich trocken und fand das Prickeln sehr okay. Er kochte Wasser, goss es aufs Kaffeepulver in der Tasse, er legte Käse aufs Brot, auf den Käse tat er Salami. Aß mit Hunger.
Dann packte er und warf den Motor an.
Ein schnelles Schlauchboot hatte er. 15 PS. Das konnte sehr wendig und flügge sein – doch das war auch das Problem:
Langsam zu fahren war mit dem Boot nicht möglich. Dann hob es den Bug himmelwärts, und der Skipper im Heck sah nur noch Luft. Erst wenn er beschleunigte, sank der vordere Teil des Boots aufs Wasser, und es ließ sich prächtig pilotieren.
Schön, schön. Krohn wäre ja auch gern schnell gefahren – erlaubt waren aber nur zwölf Stundenkilometer oder so.
Das war in dem kleinen Zubringer von Neuruppin zum Kanal noch kein Problem. Hierher kam die Wasserschutzpolizei nur selten. Aber auf dem Kanal trieben sie sich in allen möglichen Schilfbuchten rum und warteten nur auf Raser wie Krohn.
Seufzend lenkte er auf den Kanal und drosselte die Geschwindigkeit. Das würde ein blödes Schwuchtel-Geschleiche bis zur Ostsee.
Ja, er wollte das jetzt durchziehen. So hatte er sich das vorgenommen, so wurde es gemacht.
Krohn war zornig auf Sabrina. Er konnte es nicht beschreiben, aber er fühlte sich von ihr verraten. Sie war so alltäglich geworden. Er hatte mit ihr alles auf eine Karte setzen wollen. Er wollte, dass sie wie er die Dinge hinter sich ließ und neu anfing. Nein, hatte sie gesagt, man könne vor sich selbst nicht davon laufen. Außerdem fühle sie sich wohl in ihrem Leben. Wunderschön, dass die Liebe zu ihm noch dazu gekommen sei, wirklich wunderbar. Aber deswegen sehe sie keinen Anlass, mit allem zu brechen.
Er gab Gas. Das Boot schoss flach über den Kanal. Sollten sie ihn doch blitzen, die Bullen. Er hatte zwar nicht mehr viel Geld, aber wen juckte das schon? Wen juckte überhaupt was?
Bei Eberswalde vertäute er das Boot unter einer Brücke und machte sich mit zwei Kanistern auf den Weg zum nächsten Gewerbegebiet. Er kaufte Benzin und spazierte durch den Supermarkt nebenan. Amerikanische Verhältnisse. 20 Varianten von Senf, zwei Reihen mit Weinen, Bier aus dem letzten Bayern-Kaff. Türkisches Fladenbrot, Baguette, Ciabatta, Münchner Brezn.
Es war angeraten, hier noch einmal richtig zuzuschlagen. Hinter Eberswalde, ließ die Karte vermuten, würde es solche Supermärkte nicht mehr geben. Also: Vollkornbrot, Laugengebäck, Käse in Plastik, Dauerwurst. Drei Dosen Ravioli. Erdnüsse. Schokolade und Gummibärchen. Bananen. Äpfel. Wasser. Zehn Flaschen Wein (Portugieser Weißherbst und Mädchentraube à je einsneunundneunzig, Drehverschluss). Vier Dosen Elephants.
Der große Rucksack fasste nicht mehr Ware.
Hinter ihm stand ein junger Kerl mit Dreitage-Haar auf dem Schädel. „Party, was?“, sagte er und grinste. Krohn verstand zuerst nicht, dann sah er, dass der Andere auf den Alkohol im Einkaufswagen starrte.
„Ja“, sagte Krohn. „Party.“
„Na, denn habt ma Spaß.“
Der junge Mann war nicht unfreundlich. Aber Krohn mochte ihn nicht. Er glaubte, den Achselschweiß des Typen riechen zu können. Dahinter stand freilich eine fette schwitzende Frau mit zwei Kindern, die Schokolade einforderten. Möglich auch, dass die stank.
Oder waren etwa hier alle reinlich? Wie roch er eigentlich selbst? Nach Kanal, nach Anstrengung in der Sonne. Irgendwie so.
Die Verkäuferin schob gleichmütig eine Weinflasche nach der anderen über den Scanner. Sie hieß „Frau Karl“, so stand es auf dem Schild, das schief über ihrer abgefeierten Brust hing. Frau Karl hatte keinen Blick in den Augen. Der Lack an den Fingernägel war rissig, rauhe Hände hatte sie und graue Haut im Gesicht. War sie mal schön gewesen?
Egal.
Vor dem Supermarkt stellte Krohn an einem der Tische seine Sachen ab, besorgte sich ein Weißbier und die Lokalzeitung und setzte sich in die Sonne. Das Bier hatte er schnell getrunken, kaufte noch eines. Er machte ein paar unbedeutende Notizen und überließ sich dem Glück, das ihn flutete.
Ein freier Mann. Der Ungebundenste auf dem Globus. Ein kluger Kopf war er auch noch. Die Zeitung, die er las, amüsierte ihn. Sie schrieben das Nichts auf und fühlten sich richtig am Platz. Sie spielten sich ein Spiel vor: Was sind wir wichtig!
„Namen für Wolfskinder gesucht. Seit wenigen Tagen tapsen die zwei Monate alten Wolfskinder durch ihr neues Gehege. Die drei weiblichen europäischen Wölfe kamen am 6. Mai 2015 im Tierpark Perleberg zur Welt. ,Die Drei mussten mit der Flasche aufgezogen werden. Mittlerweile fressen sie schon Fleisch und zukünftig sollen sie unser Wolfsrudel verstärken’, sagt Paulina Ostrowska, die Leiterin der Zooschule.“ —- „In Eberswalde werden seit Montag die Schlaglöcher geflickt. Die Beseitigung der Schadstellen auf asphaltbefestigten Straßen erfolgt mit Hilfe des Patchmatic-Systems. Dabei wird die Schlaglochfläche ausgeblasen und anschließend mit einer Splitt-Bitum-Imulsion besprüht. Bis voraussichtlich Ende August wird die Mainka GmbH aus Rüdersdorf bei Berlin die Schlaglöcher im Eberswalder Stadtgebiet flicken. Die ersten Schadstellen werden seit Montag im Stadtteil Nordend beseitigt.“ —- „Liebe Eberswalderinnen und Eberswalder, seit Wochen erreichen uns überaus bedrückende Nachrichten und Bilder aus Syrien und anderen Ländern, die die Grausamkeiten von Krieg, Zerstörung und Vertreibung zeigen und die uns doch nur erahnen lassen, welches schlimme Schicksal die betroffenen Menschen erleiden müssen. Immer mehr Frauen, Männer und viele Kinder haben sich auf den gefahrvollen Weg nach Europa aufgemacht, um der Todesgefahr zu entkommen und ein menschenwürdiges Leben führen zu können. Wir als Stadt stehen wie Deutschland und unser Kontinent insgesamt vor großen Herausforderungen, denn die Zahl der Flüchtlinge hat eine unfassbare Größe erreicht, die den Umfang des ganzen Leides für uns persönlich greifbar werden lässt. So ist es für Eberswalde wie für alle Kommunen unseres Landes eine wichtige Aufgabe, Flüchtlinge aufzunehmen und, nicht weniger bedeutend, den Menschen nach Kräften bei der Integration zu helfen. Sicher werden in den nächsten Monaten noch sehr viel mehr Menschen zu uns kommen. Ihre Aufnahme wird nicht nur ein Akt der Menschlichkeit sein, sondern bietet nach meiner festen Überzeugung auch eine Chance für unsere Gesellschaft. Ihr Friedhelm Boginski, Bürgermeister Eberswalde.“
Krohn legte die Zeitung weg. Am Nachbartisch saß mittlerweile der Kahlkopf. Bier und Schnaps. Zwei Kumpels waren dazu gekommen. „Sag’ ma, willste vor der Party noch was abfackeln?“ Die Glatze zeigte auf die Kanister und kriegte sich nicht mehr ein vor Vergnügen. Krohn tat, als habe er nichts gehört.
„Hab’ Dich was gefragt.“
Nein, er brauche das.
„Haste zwei Rasenmäher – oder was?“
Krohn kannte sich aus. Mit den Typen musste man vorsichtig sein. Schnaps machte die gefährlich. Besser, er würde nicht rumeiern. Er erzählte also, wozu er das Benzin brauchte, dass er auf dem Weg zur Ostsee war, dass bis Schwedt kein Supermarkt mehr in der Nähe des Wassers sein würde.
„Dann ist der ganze Stoff für Dich. Ey, habt Ihr das gesehen, was der gebunkert hat hat? Ostsee, ehrlich? Mit’n Schlauchboot? Respekt, Mann, da hast Du einen Plan, sag’ ich mal.“
Ja, sagte Krohn und war froh, dass die Drei ihn plötzlich nicht mehr interessant fanden, weil auf dem Parkplatz zwei Mädchen in Miniröcken aus einem Jetta stiegen.
Er war wieder unsichtbar.
Er gehörte nicht mehr dazu. Nicht zu den Alten und nicht zu den Jungen. Meistens bemerkten sie ihn gar nicht. Dann schaute er ihnen zu wie das kleine Kind, das den nackten König beobachtete. Und rief: Er ist doch nackt. Aber sie wollten nichts mehr von ihm hören und nichts mehr wissen, und er fand das in Ordnung.
Sabrina?
Sie fehlte ihm sehr. Er zog das Handy aus der Tasche, um nachzusehen, ob sie sich vielleicht bei ihm gemeldet hatte. Hatte sie nicht, niemand hatte etwas von ihm gewollt.
Hans Krohn schulterte den Rucksack – der war ja nun wirklich schwer, steckte sich zwei Dosen Bier in die weiten Taschen der kurzen Hose, griff nach den Kanistern und stapfte los. Nach fünf Minuten war er schweißgebadet.
Der Marsch dauerte eine halbe Stunde. Krohn war erleichtert, als er das Boot an der Kanalmauer schubbern sah. Er hob den Rucksack und die Kanister ins Heck, öffnete eine dritte Dose Bier und trank erstmal gegen den Durst. Er musste ein bisschen langsam machen. Die Bullen waren überall. In Ruhe trank er aus, dann stieß er sich vom Ufer ab.
