NEUE HEIMAT?
sommer zwanzichfuffzehn XLVI
Von der anderen Seite des Zauns rief jemand etwas. Die fünf Männer hörten zu, traten einen Schritt zurück. Krohn nahm die Arme herunter. Er sah, wie ein Mann durchs geöffnete Gatter des Paint-Ball-Areals trat und zügig auf ihn zu ging. Er war groß, steckte in Tarnkleidung. Bei der Gruppe angekommen fragte er:
„Du kommst aus Deutschland?“
„Ja.“ Dankbarer Blick, der Andere hatte kein unfreundliches Gesicht. Sehr wach, harte Züge, eine Narbe auf der rechten Wange, sehr aufmerksame misstrauische Augen.
„Was machst Du hier?“
„Ich habe mein Boot da hinten und wollte nur eine Pause machen.“
„Du musst nicht schauen durch Zaun. Ist gefährlich. Wollen wir nicht haben.“
„Ja, ich habe verstanden. Das tut mir leid.“
„Wo fährst Du hin mit Deinem Boot?“
„Ich will an die Ostsee. Komme aus Berlin und an der Ostsee kehre ich wieder um.“
„Hast Du großes Schiff?“
„Nein, überhaupt nicht. Du kannst es sehen – da hinten, das rote da.“
Der Stettin-Guerillero schaute in die angezeigte Richtung. Er begann zu lachen. „Das rote? Das kleine Rettungsboot?“
„Ja, das Schlauchboot.“
„Zu Ostsee? Nicht Dein Ernst?“
Doch. Schon.
Der Pole erzählte seinen Kumpels grinsend eine Geschichte. Der Zorn verschwand aus ihren Gesichtern, sie fingen an zu grienen, dann lachten sie, sahen Krohn wie einen unerwarteten Exoten an. Stießen sich in die Rippen, deuteten auf Krohns Schlauchboot und fanden es irre komisch.
„Aber Du bist alter Mann. So ein Quatsch macht doch kein alter Mann. Warum machst Du das?“
Hans Krohn erklärte. Der Job: Scheiße. Die Zukunft: Nullkommanull. Frauen, Freunde: Fehlanzeige. Berlin: KeinBockStadt. So what? Nichts wie weg. Da sei ihm die Ostsee eingefallen. Dort wolle er den Sommer verbringen.
Der Andere übersetzte. Einer der Guerilleros griff in eine Tasche seines Kampfanzugs, zog eine Flasche Wodka raus, ließ sie rumgehen. Krohn wurde genötigt, ordentlich zu schlucken. Sie luden ihn aufs Grundstück ein, einer passte auf das Boot auf, es begann zu regnen, sie grillten fette Wurst und fettes Fleisch, es gab mehr Wodka und Bier und andere Getränke, der Bootsaufpasser brachte den Schlafsack, die Musik war gewalttätig, man unterhielt sich schreiend in zwei Sprachen, Hans fiel noch vor der Dunkelheit in tiefen traumlosen Schlaf.
Am nächsten Morgen hielt ihm sein Retter eine Tasse Kaffee unter die Nase. Er habe nachgedacht, sagte er. „Fährst nicht bis Ostsee. Ist sehr gefährlich mit Deine kleine Boot. Du fährst bis Stepnica. Mein Vater lebt da. Wir haben telefoniert. Er hat Hütte für Dich, nicht teuer. Ich komme mit. Heute Sonntag, keine Arbeit.“
Sie stiegen ins Boot, der neue Freund – Adam, sagte er, hieß er – übernahm die Pinne. Die Dächer Stettins glänzten noch vom nächtlichen Regen, viele Menschen waren nicht unterwegs. Adam steuerte eine Wasser-Tankstelle an, sie füllten den Tank und die Kanister. Nach einer Stunde erreichten sie den Stadtrand, eine gute Stunde später waren sie da. Adam legte an einer kleinen Marina an, seinen Vater hatte er schon angerufen, der Mann saß vor einem Bier an der Bar. Er rauchte nachlässig, war nicht rasiert, hatte die Hände eines Mechanikers.
Deutsch konnte er nicht, Adam übersetzte.
Nach zwei Lagen Wodka/Bier waren sie eins: Krohn würde in den nächsten sechs Wochen in einem kleinen Ferienhaus wohnen, das ein paar Kilometer flussabwärts lag. „Kein Mensch da. Nur das haus von meinem Papa. Aber ist alles da. Warmes Wasser. Strom für Handy-Akku. TV mit Satellit, Du hast deutsches Fernsehen.“
Krohn zahlte im Voraus, bekam den Schlüssel. Adam schrieb ihm seine Handynummer auf („Wenn Du kommst nach Stettin, gehen wir trinken“). Der Deutsche verabschiedete sich und fuhr am Ufer entlang bis zu der Stelle, die sie ihm beschrieben hatten. Im Fluss lag eine Sandbank mit ein paar verkrüppelten Bäumen, auf denen Vögel lärmten. Rechts war eine kleine Bucht, in die er steuerte. Er zog das Boot auf sandigen Strand, vertäute es an einem Stamm. Er hievte seine Sachen an Land schulterte den Rucksack und ging zu dem Häuschen am Waldrand.
Angekommen.
Wirklich?
Hans Krohn hielt das Haus in Ordnung, nein, da gab es nichts zu nölen. Gegen Mittag war er in der Lage, den Boden zu fegen und zu wischen. Er staubte ab, ordnete die Papiere auf dem Tisch. Wenn die Sonne schien, hängte er das Bettzeug auf der Veranda über Stühle. Wenn er am Vorabend ein Feuer betrieben hatte, hackte er Holz.
Da er jeden Tag trank, fiel ihm körperliche Arbeit von Tag zu Tag mühsamer. Aber die Dinge mussten gemacht werden.
Jeden zweiten Tag fuhr er mit dem Boot nach Stepnica. Dort kaufte er im Lebensmittelladen Wein und Brot, manchmal auch Gemüse. Einmal in der Woche nahm er den Bus nach Stettin und deckte sich beim Lidl mit einem Rucksack voll schöner Dinge ein, besorgte eine Süddeutsche, bummelte von einer Bier-Terrasse zur nächsten, fuhr mit dem Abend-Bus zurück und tuckerte in der Dunkelheit den Fluss entlang. Er achtete darauf, nicht zu sehr betrunken zu sein, wenn er noch zu fahren hatte.
Das Schreiben – auf das er sich so gefreut hatte – ging zäh von der Hand. Meistens war es so:
Bis gegen vier Uhr nachmittags arbeitet Krohn körperlich, manchmal ging er schwimmen, manchmal lief er keuchend zehn Kilometer und schämte sich für seinen verrottenden Körper.
Um vier begann auf Kabel 1 „Castle“. Er trank die erste Flasche Wein mit Gier – nach „Castle“ hatte er schon mit der zweiten begonnen. Nun setzte er sich an den Tisch und schrieb. Ihn durchwallte eine Euphorie und das Gefühl, er sei ein Großer.
Der große Text, den er sich vorgenommen hatte, war es nicht. Dazu fehlten Krohn die Kraft und die Nüchternheit.
Nein er hatte gleißend helle Momente. Schrieb, bis ihn das Selbstmitleid packte. Dann nahm er die Zeitung und stierte auf die Schlagzeilen.
Was gingen ihn die eigentlich an?
In der nordöstlich von Bagdad gelegenen Stadt Khan Bani Saad ermordet ein vorgeblicher Eiscremeverkäufer bei einem Selbstmordanschlag mindestens 120 Menschen. Die Terrororganisation ISIS behauptet später auf Twitter, für das Verbrechen verantwortlich zu sein.
Bei einem Selbstmordanschlag auf ein Kulturzentrum im türkischen Suruç nahe der syrischen Grenze kommen 32 Personen ums Leben, 100 werden verletzt. Die türkische Regierung macht die Terrororganisation Islamischer Staat für die Tat verantwortlich. Zur Verhinderung einer Protestbewegung sowie der Verbreitung von Bild- oder Videomaterial von dem Anschlag sperrt die Regierung die Kommunikationsplattform Twitter und verhängt eine Nachrichtensperre.
Das geht ja wohl nur noch nach unten,
dachte er bei sich und sah erschrocken
in einen Abgrund, wo sich alles verlor.
Noch ahnte er das Licht, das hinter ihm lag.
Doch beim Blick nach vorn war ihm klar,
wie schwarz sein Leben bald sein würde.
Das geht ja wohl nur noch ins Nichts.
In eine Leere, in der sich alles verliert:
das letzte Fühlen, das letzte Wollen.
Noch erinnerte er sich, dass einmal etwas war:
Eine Hoffnung auf morgen, eine Kraft,
die ihn schob und schob und schob.
Doch die Kraft hatte ihn verlassen,
war ihm ausgesogen worden.
Jetzt lag das Licht hinter ihm.
Nacht. Nach der Nacht, Es kommt die nächste.
