ABSTURZ
sommer zwanzichfuffzehn XLVII
Die türkische Luftwaffe bombardiert trotz internationaler Appelle weiterhin angebliche Ziele der als terroristische Vereinigung eingestuften Arbeiterpartei PKK im Norden des Irak. Dabei sollen 260 PKK-Kämpfer getötet worden sein. Zu Angaben möglicher ziviler Opfer der Luftangriffe weigert sich das türkische Militär. Die Regierung der autonomen Kurdenregion im Nordirak fordert ein Ende der Angriffe sowie den Rückzug der PKK aus dem Nordirak.
Helldrive.
Lieblicher Mosel.
Erinnerungen an Dich, Sabrina, Frau von früher.
Da draußen in der Natur ist es schwarz und dunkler,
Ich hoffe, dass es hell wird – aber es ist so lang hin.
Überhaupt: Gibt es hell noch?
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71 Leichen von Flüchtlingen werden in der Nähe des österreichischen Orts Pandorf in einem auf der Ost-Autobahn A4 abgestellten Lkw entdeckt.
Ein Mann ging längs der Straße. Stadtauswärts. Nach Norden. Der Rucksack wog schwer, Stettins Plattenbau war von gleißender Hässlichkeit. Im Sinn führte der Mann nichts Bemerkliches. Warum auch?
Er also so fürbass. Nach vorne scheinbar ausschreitend
Und dann kam das Vorne.
Das war das Daneben-Treten
Es trieb ihn in diese Vorstadt-Kneipe:
Die Fenster verschmiert, die Vorhänge verraucht. Arbeiter, die nicht nach Hause mochten. Ein sehr herunter gekommener Wirt.
N Bier. Nochn Bierchen. Und so.
Auch ’ne Frau.
Die wollte er nicht wahrnehmen. Nein, das wollte er nicht.
Sie stand da mit ihrem Hintern.
Er wollte nicht, dass sie Augen, braune, hatte. Er wollte da nicht rein gucken. Sie sollte weg sein.
Geräusche in der Kneipe. Sprachfetzen der Belanglosigkeit. Polnische Schlager.
Sie sprach ihn an. Dann war seine Hand an ihrem Arsch, alle in der Pinte fanden es sehr okay.
Der Hintern war gut. Gab kaum nach, wenn er drückte.
Sie bot ihm den Mund. Schöne Lippen, schöne Augen, die Hand am Po.
Er sah sie an.
Sie fragte was. Er wusste, was es war. Nein, dachte er. Nicht mehr.
Aber sie hatte ihn.
Ihre Finger waren sehr schmal. Kraftvoll. Sie nahm ihn in ihre verkommene Wohnung mit und nahm sein Glied in die starken Hände.
Ungebremster Trieb. Was für die Kids und Tiere.
Und: Lust? Wo blieb sie ab?
Fernab.
Es war so unschön, das Nachsinnen. Dachte der Mann. Er duckte sich nach seiner Flucht aus dem warmen Bett und weg von der leise schnarchenden Frau in einen Bus-Unterstand, auf dessen Dach grieseliger Regen nieder ging. Sein Schwanz war müde, in seinem Denken brach die mürbe Panik aus. Ihm war nicht mehr wohl.
Der Bus kam.
Der Mann zahlte und fuhr zurück zu seinem Boot. Er blickte auf das Regenland, dachte, dass ein guter Regisseur diese Felder am liebsten wogend unter hohem Korn filmen würde.
Der Mann wünschte sich, er hätte keinen Sex gehabt. Dann befreute er sich an seiner Trunkenheit und am Wiegen des Busses. Schließlich schlief er. An der Endhaltestelle wurde er vom Fahrer geweckt, schwebte aus dem Bus und sauste mit seinem Boot zurück zur „Mädchentraube“.
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Die Terrororganisation Islamischer Staat zerstört in Palmyra den Tempel Bel, eine der wichtigsten Stätten des UNESCO-Weltkulturerbes.
Bin, glaube ich, kein Scheiss-Typ gewesen. Ich wollte die Anderen in Ruhe lassen.
Und mein Ding wollte ich machen. Habe gemeint, dass die Kerze von beiden Seiten angezündet gehört.
Das heißt ja nix. Ich bin kein Könner – wenn ich eine Kerze an beiden Enden anstecke, dann ist das nichts Besonderes.
Aber für mich ist es eine Sensation
Ich habe meinen Körper bis dahin gebracht, wo er nicht mehr konnte. Habe gesoffen, bis das Denken sich einstellte.
Frauen?
Es war keine mehr.
Ich habe immer versucht, die Frau meines Lebens zu ehren. Warum sollte ich andere küssen?
Nun taumle ich durch Unwägbarkeiten, ich kenne mich manchmal nicht. Oft bin ich mir ganz fremd.
Auf der Volksparkbrücke über die Bundesallee stellte ich mir vor, wie es wäre, wenn ich hüpfen würde.
Erstmal müsste ich über das versiffte Geländer kraxeln. Rechtes Bein – das ist mein gutes – voran. Säße ich dann rittlings? Oder wäre es besser, das Ganze in einem Schwung durchzufedern?
Müsste ich noch Acht darauf haben, wem ich die Kühlerhaube oder das Dach zerdeppere?
Eigentlich nicht.
Eigentlich nie.
Ich bin niemals gehüpft.
Zurück gekehrt in das Leben, das meines nicht war.
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Nach der Einreise hunderter Migranten, die meist aus Syrien und dem Irak stammen und von Deutschland kommend über Dänemark nach Schweden weiterreisen wollen, stellt die Polizei in Südjütland den Bahnverkehr zwischen Flensburg und Padborg ein und sperrt vorübergehend die Autobahn. Darüber hinaus wird der Fährverkehr zwischen Fehmarn und Rodby gestoppt.
Er traf auf sie, unvermutet, jäh.
Er fühlte sich schwach und beschämt,
weil sie ihn beim Abstürzen sah.
SABRINA
Sie ließ sich nicht beirren, sie lächelte:
Ich glaube an Dich, sagte sie,
habe immer an Dich geglaubt.
Er traf auf sie und staunte,
dass doch noch nicht alles Leben
aus ihm gewichen war.
Warum nahm ihn diese Frau in den Arm,
warum fühlte er ihre Wärme,
warum war ihm so wohl?
Zögernd wandte er sich um
und blickte in das schwache Licht von einst.
Dort wollte er hin.
SCHATTEN UND LICHT
Er schlug einen schweren Weg ein.
Gejagt von den Schatten seiner Vergangenheit,
gebürdet vom Wissen seiner Schwäche.
Steinig war der Weg und schier endlos,
jeder Schritt eine Pein, und für den nächsten
schien die Kraft nicht zu reichen.
Komm, sagte sie,
mach nicht schlapp,
du kannst es doch.
Sie machte ihm den Weg frei,
sie scheuchte die Schatten
der Vergangenheit weg.
Und dann sagte sie plötzlich:
Hebe den Kopf, Liebster:
Siehst Du das Licht?
LIEBE UND MEHR
Es blendete, dieses Gleißen.
Der Weg wurde hell und einfach.
Das Gehen wurde zum Laufen.
Er rannte zum Licht
Mit der Kraft aus seinen frühen Tagen.
Mit diesem Hoffen und Lachen.
Mit einer Liebe, die er nicht gekannt hatte.
Die ihm den Willen zum Kampf gab:
Zum Kampf gegen den, der er mal gewesen war.
Er wollte kämpfen.
Für sich, für sie, für ihre Liebe.
Er wollte halten, geben, das Leben spüren.
Ich liebe dich, sagte er,
und es war ihm ganz selbstverständlich.
Lass uns ins Licht treten.
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Der deutsche Innenminister Thomas de Maizière veranlasst aufgrund der Flüchtlingskrise im Rahmen der geltenden Regeln des Schengener Abkommens vorübergehend die Einführung von Grenzkontrollen an der deutsch-österreichischen Grenze. Nach Einführung dieser gelingt dort bald die Festnahme erster Schleuser.
Er setzte sich an den Stammtisch und verlor den Halt — Der Kopf schwang recht lose über die gewachste Platte — Er war sich seiner sicher — oder war er sich seiner nicht klar — Eines! Er war sich bewusst: Das Zeug bringt ihn um — Er sah mit einem noch-fast-jungen Blick — in den nächsten Tag, in die Träume: das Meer, den Himmel unter Sternen, die Berge in der Unnahbarkeit — Die Kinder, die Frauengeschichten, dieses Da-Bleiben — Doch am Ende: — Das Träumen und das Trinken würde ihn umbringen.
Hey, nicht missverstehen: — War ein geiles Leben gewesen — Er war auf die Gipfel gelaufen, dann wieder runter — NOCHMAL ZURÜCK? — Er sah betrunken-ernüchtertmit in — sein gewesenes und sein künftiges Dasein — Nicht mehr leicht würde es sein wie früher.
Nix mehr würde sein wie früher — Jetzt könnte man ja sagen, dass ihm von nun an — das Blei des Lebens anhafte — Doch wie blöd wäre das — Er begann, sich zu bezweifeln — Die Ausreden halfen nicht mehr — Er war sich selbst auf der Spur.
Jetzt gab es nur noch eine Spur.
Ob es weh tat oder nicht.
Lügen war nicht mehr.
Und wenn er ehrlich war, musste er erkennen:
Er stand nicht gerade löblich da.
Er machte eine schmale Figur.
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Das Foto eines toten Kindes wird zum Symbol für das Leid der Flüchtlinge im Mittelmeer: Der kleine Junge liegt an einem türkischen Strand. Er war ertrunken. Bei Twitter wurde das Foto unter dem Hashtag in türkischer Sprache #KiyiyaVuranInsanlik (“Die fortgespülte Menschlichkeit”) verbreitet.
#KiyiyaVuranInsanlik war am Mittwoch weltweit das am häufigsten verwendete Hashtag auf Twitter. Internationale Medien und Menschenrechtsorganisationen nehmen auf das Bild Bezug.
Der kleine Körper des Jungen, bekleidet mit einem roten T-Shirt und einer kurzen blauen Hose, war an einen Strand im Süden der Türkei gespült worden. Ein junger Polizist trug die Leiche davon. Auf einem Foto ist zu sehen, wie der Polizist den Kopf zur Seite dreht, so als wolle er die Kinderleiche nicht ansehen.
Medienberichten zufolge war der Junge drei Jahre alt, als er bei der Flucht über das Mittelmeer starb. Auch sein Bruder überlebte den Angaben zufolge die Überfahrt nicht. Die Familie war den Berichten zufolge vergangenes Jahr aus der syrischen Stadt Kobane vor der Dschihadistenmiliz “Islamischer Staat” (IS) in die Türkei geflohen.
Der Junge saß vermutlich in einem von zwei Flüchtlingsbooten, die am Mittwochmorgen auf dem Weg von der türkischen Küste zu einer griechischen Ägäis-Insel sanken. Insgesamt zwölf tote Flüchtlinge aus Syrien, darunter fünf Kinder, wurden von der türkischen Küstenwache geborgen. 15 Flüchtlinge schafften es an Land. Drei Menschen wurden noch vermisst.
Seit Jahresbeginn haben schätzungsweise mehr als 350.000 Flüchtlinge die gefährliche Reise über das Mittelmeer gemacht, um in Europa ein besseres Leben zu finden. Oft schicken Schlepper völlig überladene und seeuntaugliche Boote auf den Weg. Dabei kommen immer wieder Menschen ums Leben.
Das Arschloch bin ich nicht.
Fehler, Suff, Fehler, Suff.
Klar.
Im Suff über den Brenner geradelt-
Klar
Im Suff liebevoll gevögelt.
Klar.
Aber diese Flucht-Sache:
Die geht mir echt am Arsch vorbei.
Mit den Leuten habe ich doch nichts am Hut.
Auch mit den Anderen nicht.
Gutmenschen. Kreditnehmer. Vegane Muttertiere. Gute Christen. Nachbarn mit Sichtschutzhecken. Renten-Spezialisten. Mülltrenner. Pegidisten. Linke Piraten. Talker, Stalker, Texas Walker. Unbescholtene.
Gehen mir alle am Arsch vorbei.
Aber bin ich deswegen ein Arschloch?
Wohl nicht.
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Die Polizei hat zwei Jugendliche gefasst, die in Künzelsau und Neuenstein (Hohenlohekreis) an einem Tag drei Brände gelegt haben sollen.
Die 16-Jährigen haben die Taten gestanden. Zeugen hatten die Ermittler auf die Spur der Tatverdächtigen gebracht. Der Sachschaden soll in einem unteren vierstelligen Bereich liegen. In eines der betroffenen Gebäude in Neuenstein sollen nach Renovierungsarbeiten Asylbewerber einziehen.
Nach dem Brand in einer Flüchtlingsunterkunft in Nauen hat Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) “Null-Toleranz” gegenüber möglichen Tätern angekündigt. “Sollten die Ermittlungen einen fremdenfeindlichen Anschlag belegen, werden Polizei und Justiz in Brandenburg alles daran setzen, der Täter habhaft zu werden und sie einer gerechten Strafe zuzuführen”, erklärte Woidke in Potsdam. “Es bleibt dabei: Null-Toleranz gegenüber jeglicher Form von Fremdenfeindlichkeit.”
Derweil haben Unbekannte im brandenburgischen Neuhardenberg zwei Autos von Angehörigen einer Flüchtlingsinitiative angezündet. Die Fahrzeuge brannten aus, ein danebenstehender Multivan wurde am Samstag ebenfalls beschädigt. Verletzt wurde niemand, wie das Brandenburger Innenministerium am Sonntag bestätigte. Es handele sich um Brandstiftung. Die Polizei ermittele in alle Richtungen, aber ein politischer Hintergrund liege nahe, sagte Ministeriumssprecher Ingo Decker am Sonntag. An Haustüren und Laternen in der Umgebung wurden Aufkleber und Wurfzettel mit der Aufschrift “Flüchtlinge nicht willkommen” entdeckt. Die Besitzer der Autos engagieren sich in dem Ort für Flüchtlinge.
Nach Protesten von bis zu hundert zum Teil aggressive Demonstranten vor der Flüchtlingsunterkunft im sächsischen Bischofswerda richtete die Polizei einen 100-Meter-Kontrollbereich rund um die Unterkunft ein. Aufgerufen zu den Aktionen gegen die Belegung der neu eröffneten Erstaufnahmeeinrichtung hatte die Partei “Die Rechte”. Zeitweise blockierten Rechtsextreme die Zufahrt zu der Asylunterkunft, einer früheren Fabrik für Herrenmode. Gegen einen der Reisebusse mit Flüchtlingen wurde eine Glasflasche geworfen.
Turnhalle in Wertheim war nach Angaben einer Stadtsprecherin in der Nacht zum Samstag mit 330 Betten ausgestattet worden, weil sie womöglich in den kommenden Tagen als Flüchtlingsunterkunft genutzt werden sollte. Es handelt sich demnach um die Turnhalle einer Polizeiakademie, in der bereits 600 Flüchtlinge untergebracht sind. Nach dem Brand gilt die Halle als einsturzgefährdet.
So richtig nach Lächeln war ihm nicht.
Ihm war mau. Die Schrecken des Entzugs bereiteten ihm große Furcht.
Er lag in seinem Schlafsack und fror schwitzend. Sein Körper ließ ihn nicht aufstehen.
Hans Krohn war am Ende. Er vertraute nicht mal sich selbst. Er mochte nicht mehr jammern, das hatte er lange genug gemacht.
Einen Strick hatte er sich gerichtet gehabt, nachdem er mit einem mächtigen Kater aufgewacht war. Aber als er sich aufknüpfen wollte, bekam er es mit einer schlimmen Angst.
Er hatte es dann gelassen.
Nun musste er von diesem Alkohol weg, das hatte er gewusst.
Weg mit den Flaschen. Er war noch betrunken gewesen, als er alles zu Scherben schlug.
Dann verflüchtigte sich der Alkohol in ihm.
Krohns Körper: ein großes Kribbeln. Überall, in jedem kleinen Finger, in der Kniekehle, in jeder Zelle. Gleichzeitig wurde er schwächer und schwächer.
Und der Kopf spielte ein eigenes Spiel. Der drehte durch.
Sein Leben tobte durch die Erinnerung. Das Hecheln nach Erfolg. Die Frauen, die er nicht mal gemocht hatte.
Sein ganzes verficktes Leben.
Sie hatten ihn für einen wahren Mann gehalten. Doch er war es nicht. Er war verletzbar. Und sie hatten ihn verwundet. Narben hatte er mit der Zeit, überall.
Er hatte ausgehalten
Nun war er weg gelaufen. Ins Nirgendwo.
Wisst Ihr, wo das Nirgendwo ist?
Das ist da, wo Du über Deinen Grenzen bist. Da fällst Du im Gehen gegen einen Baum, da fährst Du in den Graben, da gehst Du gegen Deinen Verstand Furcht-Gänge. Da wachst Du auf und bist so betrunken wie vor dem Einschlafen.
Und jetzt aufhören mit Saufen, mit dem Einzigen, was Dich noch zusammen hält?
Ja. Jetzt!
Nicht mehr rückwärts gucken. Die ersten Schritte nach vorn machen.
Das werden schwere Schritte. Vielleicht die schwersten, die Du tun hast müssen.
Das wird die Hölle. Und Du musst da durch, wenn Du weiter leben willst.
Das kannst Du. Oder?
Jetzt das Kribbeln.
Dann kommt das Gefühl vom Tod. Das ist die schiere Angst.
Dann liegst Du gefällt in deinem Gestank. Der Gestank kommt aus den Achseln, aus den Hoden, aus den Füßen. Er wird ins Bett kriechen und Dich umfangen. Du wirst sehr kämpfen müssen.
Geh in den Fight, losdenn!
Ich werde Euch alle ficken. Aufgeben gibt es nicht.
Überübermorgen bin ich auf der Matte.
Irgendwann stehe ich wieder auf den Beinen, ich schwöre es.
Dieses verdammte Kribbeln.
Er hatte Angst, die Angst wuchs und wuchs, sie war mächtig, er verlor beinahe den Kampf gegen seine Angst.
Er konnte seinen Erinnerungen nicht ausweichen.
Das mit den Frauen hatte er vermasselt. Die Frauen waren nicht schuld gewesen, er hatte sich nicht hin bekommen.
Da war die kleine flotte Brünette mit den dreisten Brüsten, die ihn so schön mit dem Mund befriedigte.
Da war die mit dem Irokesenschnitt, die im Bett eine Niete war.
Da war die Blonde, von der er bis finito nicht wusste, ob sie als Prostituierte gearbeitet hatte.
Die Schwarzhaarige, die immer vom Orgasmus redete – aber hatte sie mal einen?
Er kannte Frauen, aber ein Kenner war er nicht.
Er mochte diese Frauen nicht. Gar nicht.
Als er nichts mehr von der Weib-Mann-Chose wissen wollte, ging es ihm passabel und leidlich nett.
War doch schon mal was.
Herrschaftszeiten, dieses Kribbeln!
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Im bisherigen Berichtsjahr 2015 wurden 231.302 Erstanträge vom Bundesamt entgegen genommen. Im Vergleichszeitraum des Vorjahres waren es 99.592 Erstanträge; dies bedeutet deutlich mehr als eine Verdoppelung der Zugänge (+132,2 %) im Vergleich zum Vorjahr. Die Zahl der Folgeanträge im bisherigen Jahr 2015 hat sich gegenüber dem vergleichbaren Vorjahreswert (16.145 Folgeanträge) um 58,8 % auf 25.636 Folgeanträge erhöht. Damit sind insgesamt 256.938 Asylanträge im Jahr 2015 beim Bundesamt eingegangen; im Vergleich zum Vorjahr mit 115.737 Asylanträgen bedeutet dies mehr als eine Verdoppelung der Antragszahlen (+122,0 %).
WAS KOMMT?
Die Menschen, die mich heute Nacht heimsuchen werden.
Sie stehen an der Wand, immer an der Mauer, im größten Licht, sie sind reglos.
Schauen auf mich.
Sie beschauen und beargen mich.
Sie starren.
Alle aus meinem Leben stehen da und sehen auf das Wrack.
Ich habe das Gehen verlernt.
Tut mir so Leid
Du Wesen meines Verlangens.
Ich wollte Dich nicht finden.
Wir sind aufeinander gestoßen.
Nun – unsere Leben waren nicht mehr neu.
Und zwischen zwei Liebenden
Ist dann vieles nicht mehr einfach.
Wir haben versucht, es gut zu machen.
Du
Und auch ich.
Ich glaube,
Du hast es
Besser gemacht.
Für mich bleibst Du das
Wunder, das Du bist.
So in der Art einer Sternschnuppe.
Dies soll eine Eloge sein, ein nach Worten ringendes Bekennen meiner Liebe- wenn ich könnte, würde ich die passenden Wörter kaskadengleich über Dich geben.
Dein Leib ist geschaffen für uns. Wir verschmiegen und verschmelzen, die Uhr lässt die Zeiger stehen. Zimmer werden gleichzeitig zu Höhlen und zu Hallen, zu unseren Höhlen und Hallen. Und, fragend, müssen wir auseinander gehen. Es sind Trennungen wie Körperschnitte.
Dies, so merke ich, kann keine Eloge sein. Dafür werden die Fragen bleiben.
Du bist ein Wunderwesen für mich. Ich habe Dich gestreift, und es ist eine große Arie in mir.
Du Wesen meines Verlangens.
Ich wollte Dich nicht finden.
Wir sind aufeinander gestoßen.
Früher hatte er gemeint, man könne ein Leben ableben.
Nun ging es nicht mehr. Nun musste er sein Leben angehen.
Krohn kritzelte:
Es wird ein weites Land. Draußen ist Schwärze – aber es wird noch ein einmal eine große weite Welt.
Fuck!
Ich hätte ja nicht geglaubt, dass ich solche Sachen schreiben würde. Dass das Schreiben mit mir so durch geht.
Wenn ich so betrunken liege, dass ich nichts anderes mehr kann als das Überleben, flitzen mir die Ideen durchs Hirn. Da ist der Schmerz des Fast-Sterbens. Und da sind die Geschichten, die vielen Geschichten.
Besessen schrieb der Krohn. Sein Moleskine-Buch schmuddelte und schmierte, dreckreckschmodderschrecklich wurde es. Aber drinnen, mit einem Aldi-Füller aufgeschrieben, kämpfte einer um sein Weitermachen.
Oben, unten, das Kopfkissen links oder rechts – egal. Es ist ein Niagrafall des Denkens. Im Fernseher hauen sie sich bei „Criminal Minds“ die Schlechtigkeit um die Ohren.
Ich weiß den Weg zu Sabrina nicht mehr, habe ich ihn je gewusst?
Was?
Noch zwei Flaschen?
Morgen wieder vier?
Dann, irgendwann, krepieren?
Nein.
Noch eine Brücke:
Wie lang ist das her, dass ich ins Oberland gefahren bin und plötzlich auf der Echelsbacher Brücke stand?
War wohl vor zehn Wochen. Schöner Tag, viel Sonne. In Murnau war ich im Museum und habe Kirchner geguckt – der hat sich in den Bergen erschossen. Kirchner-Bilder liebe ich.
Nach dem Kirchner beim Karg-Wirt. Karg ist das beste Weißbier der Welt und schmeckt in der rammelvollen Stube am gelungensten.
Danach in die Berge.
Nun also, ich auf der Brücke. Wie würde das wohl sein, wenn ich hüpfte?
Erstmal müsste ich über das versiffte Geländer kraxeln. Rechtes Bein – das ist mein gutes – voran. Säße ich dann rittlings? Oder wäre es besser, das Ganze in einem Schwung durchzufedern?
Müsste ich noch Acht darauf haben, ob unten Kajakfahrer in der Ammer wären, denen ich das Boot zerdeppern könnte?
Eigentlich nicht.
Eigentlich nie.
Ich bin nicht gehüpft.
Zurück gekehrt in das Leben, das meines nicht war.
Habe in der Gaststätte neben der Brücke ein Bier getrunken, dann bin ich zurück in die Stadt.
Als ob nichts gewesen wäre.
Wie bitte?
Ja, mein Leben hat nicht zu mir gehört.
Stell‘ Dir das mal vor: Du taperst durch die Erfolgs-Welt und meinst, alles sei okay.
Und dann läuft es aus dem Ruder
Hans, der Trinker, wachte auf und wusste, jetzt geht es in den Entzug. Zwei Tage hatte er noch mal gesoffen. Nun würde er aufhören. Nun ging es hart her.
Er war lüstern. Das Glied stand.
Schön. Eine Weile sehr schön – er vergaß den Entzug.
Vielleicht onanieren? Ach was – das würde nur Herzflimmern machen.
Das Glied schrumpfte. Danach fiel das Leben zusammen.
Sein Körper mochte nicht mehr. Er guckte sich an, verachtete den Beguckten, einen 55-jährigen Mann, ohne Arbeit und Zukunft, einen Unansehnlich-Werdenden, der jetzt auf die Schnelle einen Bauch bekam. Er guckte sich verachtend an, er blickte auf die ungeputzte Wohnung und das dreckige Geschirr, er dachte an Selbstmord – und gab trotzdem den Befehl zum Weitermachen.
Klar! Weiter!
Entzug.
