NÄGEL UND KÖPFE
TANZ DER VIREN II
„Und?“, fragt Mischa, der den Arm über Ferdls Schulter gelegt hat.
„Was? Und?“, fragt Ferdl zurück.
Sie müssen laut reden, denn im Keller des Mischa Grahammer geht es jetzt laut zu. Eineinhalb Stunden haben sie diskutiert und sich Strategien ausgedacht. Jetzt sind die Besucher ausgelaugt, jetzt lassen sie die Sau raus. Die Musik haben sie aufgedreht, jeder bedient sich in der Bar selbst. Die Luft ist neblig vom Zigarrenrauch. Mit einem verhaltenen Lächeln blickt Henry Ford von der Wand auf das beginnende Bachanal, neben dem Ford-Porträt hängt hinter Glas ein Buch aus dem Leipziger Hammer-Verlag. “Der internationale Jude”, erschienen 1922, mit einer Widmung von Baldur von Schirach, bei einer Auktion von Grahammer 2015 für zweieinhalbtausend Euro ersteigert. Neben dem Buch hängt das Filmplakat zu „Die Rothschilds – Aktien auf Waterloo“. An der gegenüberliegenden Wand die Fahndungsfotos von Angela Merkel, Bill Gates, dem Papst, Lothar Wiehler, Joe Biden und vielen Anderen. Die Männer, die jetzt im Keller feiern, kümmern sich nicht um Freund und Feind. Sie berauschen sich zügig und schamlos. Mischa und Ferdl haben sich etwas abseits in eine Ecke gesetzt, sie müssen noch reden.
„Ja, was meinst?“
„Was ich mein‘? Du hast mit allem Recht.“
„Ja, vergiss den Politik-Schmarrn. Was meinst? Bist dabei?“
Ferdl sieht den Mischa Grahammer an. Man kennt sich jetzt seit, naja, seit 30 Jahren mindestens. Am Anfang war der Mischa noch ein kleines Licht. Er ist sogar mal wegen einer depperten Gaunerei für ein Jahr eingefahren. Der Ferdl ist damals eine Größe im Nachtleben von Schwabing gewesen. Und er hat dem Mischa immer wieder mal einen Hunderter zum Überbrücken und einen Drink ausgegeben.
Dann hat der Mischa seine Karriere gehabt.
Er hat den Ferdl auch nicht fallen lassen, als es den aus der Kurve schleuderte. Und jetzt das:
„Du musst es machen, Ferdl. Ich trau‘ keinem wie Dir. Du kannst das.“
Er will, hat er gerade allen erklärt, jetzt Nägel mit Köpfen machen. Passiver Widerstand reicht nicht mehr aus, es muss etwas geschehen.
Grahammer hat einen Wald an der Grenze gekauft. Dorthin kommt niemand, der nicht hin gehört. Dort wird er die Kommandozentrale einrichten. „Ferdl, Du wirst der Capo, Du kannst Dir Deine Leute aussuchen“, hat Mischa gemeint, die anderen haben genickt. Sie waren eingeweiht, sie geben ja auch das Geld für die Aktion.
Für den Ferdl war die Sache mit der Kommandozentrale ganz neu.
Und jetzt fragt Mischa Grahammer, wie es sei, ob er mitmacht.
„Ja, sicher bin ich dabei. Aber wie genau stellst Du Dir das vor – muss ich da umziehen, oder was?“
„Logisch. Das ist ja nicht ums Eck.“
„Wo genau ist es denn.“
„Ganz hinten im Bayerischen Wald. Großer Zaun drumrum, überall Security. Da kannst Du ungestört alles vorbereiten. Deine Wohnung in Schwabing behältst, aber oft kommst Du nicht nach München in der nächsten Zeit. Ist ja Sinn der Sache, dass Du abtauchst. Den Severin solltest auch mitnehmen.“
„Warum den?“
„Der kennt sich mit Maschinen aus, da schnallst Du ab.“
„Und wann? Wann soll das alles sein?“
„Morgen, wenn es geht. Je schneller, umso besser.“
„Aha. Aha.“
„Super. Drauf trinken wir einen.“
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
