MUNICH, MON AMOUR
TANZ DER VIREN II
Samstag nach Dreikönig. München, 2021.
München, die Erste:
Zwischen Marienplatz und dem Tal gibt es eine Pennerzone. Da sind sie unter Dach auf dem Trottoir, da werden sie nicht fortgescheucht. Nur drei Penner haben Heimrecht, sie sind böse, wenn man ihnen den Platz streitig machen will. Ansonsten leben sie im Frieden, jeder hat einen Hund, wegen der Kälte in eine Decke gewickelt. Tagsüber sind die Penner vom Marienplatz sozial und lassen sich mit ihresgleichen ein. Dann stehen und hocken sie an der Mauer, beschauen die Passanten und kümmeln.
Brave Mannder sind sie. Beim Saufen ziehen sie den Schutz vom Gesicht. Ansonsten verhalten sie sich, wie es der Ministerpräsident es will. Ihre Masken sind hellblau und abgewichst. Macht nichts.
Der Oberpenner ist der Paul. Zehn Winter hat er überlebt. Er denkt sich so, während er sorgsam drauf achtet, dass er den Pegel hält:
Alles anders. Nichts mehr da, wie gewohnt.
Die Frauen, die nicht mehr am Fischbrunnen Halt machen, weil sie sich für eine Liebelei verabredet haben. Die Menschen, die nicht mehr ins nächste Wirtshaus können. Die Polizisten, die immer bedrohlicher werden. Die Autos, die nicht mehr zum Viktualienmarkt hinüber fahren.
Nichts wie früher. Der Paul kennt sich nicht mehr aus. Er packt seine Siebensachen zusammen und trollt sich, mitsamt dem Hund, aus der Stadt…
Wohin des Wegs, Paul?
Wenn er einen hören könnte, würde er sagen: „Ich mag nimmer. Lieber schnell derfroren als langsam derstorben.“
München, die Zweite:
Mittlerer Ring, man kommt nicht voran. Das macht dem Chauffeur des Wagens aus Kroatien keine Sorgen. Er hat Zeit, die Fuhre ist gut auf dem Anhänger vertäut.
Die Fuhre ist eine Million wert. Ein Maserati in Schwarzlila, schön wie eine halbnackte schenkelspreizende Göttin, sozusagen.
Goran, der Große im Osten, lässt fahren. Er kümmert sich nicht um den Stau am Mittleren Ring in diesem München. Er steht überhaupt über den Dingen – weil er Großes vorhat.
Vor ein paar Wochen hat bei ihm zuhause die Erde gebebt. Da hat er ein paar Angestellten einen Denkzettel verpassen lassen müssen, weil sie Angst hatten und nicht zum Arbeiten erschienen sind. Und er ist in Verzug gekommen: Die blöden Hammel haben den Stoff nicht eingepackelt, die Fahrer konnten nicht nach Deutschland liefern, die Kunden haben Stress gemacht. Stocksauer war der Goran da und hat den Arbeitern sein Rollkommando geschickt.
Nun, an diesem neunten Jänner, sieht Goran aus der Wohnhalle seiner Villa auf den Hafen von Rijeka, wartet auf seinen neuen Maserati und denkt darüber nach, wie er Macht über die Welt haben kann…
Da kommt ihm die Pandemie grad recht.
München, die Dritte:
Michael ist – wir müssen es so sagen – er ist ein Krüppel.
Der rechte Arm bündelt ereignislos an seinem Arm. Michael humpelt, wegen eines verkürzten Fußes. Verschmutzt und verwahrlost ist Michael, wegen verpasster Termine beim Arbeitsamt und wegen – überhaupt.
Er versucht, in die U-Bahn zu steigen.
Marienplatz.
Heller Tag oben draußen.
Bis zum Bahnsteig hat Michael eine Viertelstunde gebraucht. Jetzt nur noch in die U-Bahn, an den Stadtrand, eine halbe Stunde Marschieren an der frischen Luft.
Dann ist Michael daheim.
Er will nur noch heim.
Die Bahn fährt ein. Michael humpelt auf den ersten Wagen zu. Die anderen Passanten setzen sich in Bewegung, überholen im Abstand den Krüppel, schließen sich zu einem Schwarm zusammen, drücken in den Wagen.
“Zurück bleiben, bitte!“
Der Krüppel will auch noch mit. Entsetzen im Schwarm.
„Na!“ sagt einer. „Nana! Nein!“
Die Tür schließt.
Der Zug fährt los.
Michael sieht hinterdrein. Er spuckt aus.
Was soll er sonst machen?
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
