“MIT DOLCH INS BETT”
TANZ DER VIREN II
Immer noch Zigarettenpäuschen. Das lässt sich schon mal dehnen bis zum Abendessen. Wass sollste sonst unternehmen in der Geschlossenen? Im Radio redet einer vom Koch-Institut davon, dass die Zahlen ein bisschen alarmierend seien – und dass es den Menschen draußen an Disziplin und Gefahrenbewusstsein gebreche. Franz nimmt das Gespräch über Josefs Arretierung wieder auf.
FRANZ: Wieso bin ich der Arsch, wenn ich sage, wie es ist? Ist doch immer das Gleiche. Meine Alte ist mir auch auf den Zeiger gegangen, weil ich mich selber nicht mehr leiden konnte. Dann hab‘ ich gesoffen – und warum? Wegen allem, nur nicht wegen mir.
JOSEF: Kann schon sein, ist wahrscheinlich auch so bei mir gewesen. Ich habe ja auch nicht gemerkt, dass ich Probleme mit dem Alkohol gekriegt habe. Bei den Feiern im Betrieb habe ich mich immer zurück gehalten, da hat mich nie jemand betrunken gesehen. Die haben keine Ahnung gehabt.
FRANZ: Das glaubst aber auch nur Du.
JOSEF: Naja, gesoffen habe ich zuhause. Bin runter in meinen Keller und habe was gebastelt. Dazu der Whisky. Bin gar nicht mehr nach oben ins Schlafzimmer. Morgens bin ich aus dem Haus, bevor die Anderen aufgewacht sind, und habe den Job gemacht.
FRANZ: Was hat der Herr Manager gebastelt?
JOSEF: Ich sammle Messer. Und ich baue selber welche. So wie die Japaner. Das beruhigt.
LINA: Und Deine Frau?
JOSEF: Der war ich egal. Sie hat den Tennisverein, da gibt es auch einen Lehrer, dem ich viele Stunden bezahlt habe.
FRANZ: Fremd gegangen?
JOSEF: Ja. War kein Geheimnis. Und der Tennis-Fuzzi war nicht der Einzige. War mir einerlei. Ich wollte nur meine Ruhe.
JEREMY: Dann war doch alles soweit in Ordnung, wenn man so sagen kann.
Lina wiegt sich im Rhythmus von DJ Ötzi, der im Radio dran ist. „Wer alles eng sieht, / Der schaut am Leben vorbei. / Die Sonn’ im Herz erfriert. / Ich hab’s längst kapiert“. „So ein Schmarrn“, brummt der Franz.
JOSEF (der immer noch über seine Einweisung redet): Ja, hätte so weiter gehen können. Aber ich wollte nicht mehr so weiter machen. Ich habe meiner Frau gesagt, dass ich mich scheiden lassen will. Ich habe gekündigt, von einem Tag zum nächsten. Die Kollegen waren echt überrascht. Ich bin heim gekommen und habe gesagt, dass es das war. Meine Frau fragt, wie ich mir das vorstelle. Woher das Geld kommen soll? Das wächst nicht auf den Bäumen, hat sie gesagt. Ich habe gesagt, dass ich das schon weiß. Aber es ist nun mal so, dass kein Geld mehr wachsen wird. Wir werden das fair regeln. Wenn sie will, kann sie das Haus behalten und die Autos und den ganzen Kram. Den Rest vom Geld teilen wir – und gut soll es sein.
LINA: Und?
JOSEF: Komplett ausgeflippt ist sie. Zuerst hat sie geschrien und getobt. Ich bin richtig erschrocken. Und das war erst der Anfang. Das Nächste war, dass sie mit Sachen nach mir geschmissen hat.
LINA: Was haben denn Deine Kinder gesagt?
JOSEF: Es war ein Freitag, die Kinder waren unterwegs. Also, meine Frau schmeißt mit Sachen und nennt mich einen Schlappschwanz und Versager und Säufer – naja, was ihr eben so eingefallen ist. Ich habe gar nichts gesagt, bin in den Keller und habe die Tür zugemacht. Habe die Musik aufgedreht, mich volllaufen lassen und einen japanischen Dolch geschliffen.
FRANZ: Was hast?
JOSEF: Hab‘ es ja schon erzählt. Ich habe eine Sammlung von Messern und Schwertern. Edle Teile, ich habe sie meistens von den Geschäftsreisen mitgebracht. Meine Frau hasst die Dinger, sind wirklich sehr teuer und sehen gefährlich aus. Die Frau hat mal gemeint, ob ich mich nicht wegen der Waffen untersuchen lassen will, das hat ja schon etwas Pathologisches. Als ob ich ein Triebtäter wär‘.
JEREMY: Und? Biste?
JOSEF: Quatsch. Ich mag keinen Streit, habe noch nie gerauft. Ich mag die Messer, weil sie perfekt sind. Es ist eine Kunst, wie die verarbeitet worden sind. Das fasziniert mich. Und wenn ich mich aufrege, beruhigt es mich, sie zu polieren und zu schleifen. Das ist wie eine Meditation.
JEREMY: Du sitzt also in Deinem Keller und schmirgelst an dem Dolch…
JOSEF: Na, dann bin ich müde geworden und ins Bett.
JEREMY: Ja. Und? Was ist da schlimm dran?
JOSEF: Den Dolch habe ich mitgenommen. Als die Bullen kamen, haben sie mich im Bett mit meinem Dolch gefunden.
LINA: Ist nicht wahr?
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
