MAN SIEHT SICH
TANZ DER VIREN II, Folge 81
Um halb elf loggt sich Martin Stäbler ein. Alle schon da, nur der Mitzlaff nicht. Der Mitzlaff purzelt immer in letzter Minute ins Meeting, der hat die Ruhe weg, so war der schon vor der großen Isolation, der kennt keine Regeln und hat keine Manieren, und wenn es um die Frauen geht, hat er keine Scham, man wundert sich ja, wie er es anstellt, aber der kriegt jede ins Bett mit seinem schmierigen Charme und seinen platten Anmachen, einmal beim Betriebsausflug auf die Wiesn hat er sogar die Sekretärin vom Chef unter der Bavaria verzupft, dabei wusste doch jeder, dass die Frau tabu ist, die gehört dem Chef, eh klar.
Ansonsten sitzen schon alle im Computer und warten auf Stäbler. Janine in ihrem Tagein-tagaus-Bürokostüm, an einem Tisch mit Kaffeetasse drauf und Sukkulenten dahinter, sie legt ihr Lächeln nie ab, auch wenn sie erschrickt, und sie erschrickt oft, denn sie hat vor allem Angst, schon früher war das so, jetzt ist aus der Angst eine lächelnde Dauerpanik geworden. Frau Schmöker, ja genau, das ist die Sekretärin vom Chef, die muss alles aufschreiben, außer „Guten Morgen“ und Servus“ (und vielleicht „Bitte Herr Mitzlaff, rufen Sie nach dem Meeting den Chef an, es ist dringend“) sagt sie nichts. Der Dominik, er verwahrlost von Woche zu Woche mehr, der Nerd, anfangs hatte er noch Jeans und Hemd an, jetzt tun es bei ihm auch eine schlabbrige Trainingshose und ein Iggy-Pop-T-Shirt. Frau Schmöker hat im Rücken eine weiße Wand, Dominik lümmelt mit dem Laptop wohl auf der Wohnzimmercouch und frisst Energieriegel.
Zum engen Kreis stoßen die Spezialisten. Sie lächeln schief und geben Acht, dass man ihnen nicht anmerkt, wenn sie sich langweilen.
Stäbler hat sich – das ist eine Weile her, da war er noch tatenfroh und optimistisch – ausgedacht, dass jeder nur drei Minuten reden darf. Dann schaltet ihn ein Algorithmus ab. Das war eine wunderbare Idee gewesen, so kann man die meisten Meetings in einer halben Stunde durchziehen. Dann ist alles besprochen, und die Teilnehmer ziehen sich zurück.
Martin Stäbler beendet das Programm; er vergewissert sich, dass ihn auch wirklich niemand mehr auf dem Schirm hat.
Dann schnauft er tief durch.
Er kann sie nicht mehr sehen, keinen von ihnen. Er mag ihren Ärger nicht fühlen. Ihr Schiss geht ihm am Arsch vorbei, er ist selbst sowas von am Hund.
Minutenlang starrt Martin Stäbler auf eine Excel-Tabelle oder einen Outlook-Kalender oder auf die ungeöffneten Mails.
Er will all das nicht mehr.
Wertschöpfung? Lieferkette? Rechnung schreiben? Kalkulation abschicken?
Warum denn?
Er isst die Banane. Ein ausgebrannter Mann, dem die Kraft verloren gegangen ist. Einer, der auf nichts Lust hat. Und der sich nicht zu helfen weiß.
Martin Stäbler schämt sich nicht mal für sich selbst.
Alles egal.
Die Wohnungstür wird geöffnet. Frau Stäbler stiefelt mit den Einkäufen in die Küche und lässt die Tüten auf den Tisch plumpsen. Sie zieht Mantel und Schuhe aus, bringt sie in die Garderobe, dann beginnt sie mit dem Kochen.
Töpfe klappern. Das Radio dudelt. Ein Messer hackt Zwiebeln klein.
Das waren mal schöne Geräusche, Martin Stäbler weiß es.
Aber momentan kann er mit den Geräuschen nichts anfangen.
Bald kommen die Kinder.
Dann gibt es Essen.
Bitte nicht!
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
