LEIDEN
Tanz der Viren
28. Juni
München, an einem Sonntag. Die Hitze steht in der Stadt. Im Westen rollen Gewitter heran. Noch haben die Menschen ein bisschen Zeit für draußen.
Aber es ist Streit-Wetter.
Auf dem Olympiaberg stehen ein Mann und seine zwei Begleiterinnen und cremen sich mit Sonnenöl ein. Zu spät, die Schultern und Waden sind schon verbrannt. Die drei Menschen sind mürrisch und haben keinen Blick fürs Panorama. Der Mann fragt, ob man noch in einen Biergarten wolle. Antwort: zornige Blicke.
Auf der Olympia-Alm will einer seine Telefonnummer nicht angeben. Dann bekommt er eben auch kein Bier. Wütend zieht er ab.
Am Nordbad steht einer vor dem Bücherschrank und weiß nicht, was er will. Eine junge Frau hinter ihm wird sauer. „Jetzt entscheiden’S Eahna, so schwer konn doch des net sei.“ Schließlich sucht er einen Danella-Roman aus. Verächtlich murmelt sie hinter ihm drein: „An Kitsch aa no. Des hätt i mir glei denka kenna.“
In der Türkenstraße feiert eine Familie den Geburtstag des verwitweten Papas. „Wir sind hier in der Adria, das ist die älteste Eisdi le in der Stadt“ erklärt stolz einer der Söhne, der es zum Arzt im Rechts der Isar geschafft hat. Seine Frau blickt gelangweilt in den Kinderwagen, aus dem kein Leben kommt – es ist echt höllisch heiß, das macht Babys völlig fertig.
Auch der Opa ist geschafft. Ihm ist egal, wie toll alt das „Adria“ ist. Er mag nur seine Ruhe. Aber die Kinder haben beschlossen, dass konzentriert gefeiert wird. Also organisieren sie per App ein Leihrad und erklären, dass man nun einen kleinen Ausflug machen werde.
Der Opa seufzt. Dieser Scheiß-Geburtstag nimmt einfach kein Ende. Und im Biergarten – da kann er sicher sein – werden sich die Kinder in die Wolle kriegen. War immer so. Diese Isolation nach Ausbruch der Pandemie hatte schon ihre Vorteile…
