KINDERKRAM
TANZ DER VIREN II, Folge 82
Mittags ist Waffenruhe. So haben Irene und Martin Stäbler es vereinbart. Ein letzter Rest von ehemaliger Normalität soll den Kindern bleiben.
Man trifft sich bei Tisch.
Robert mosert über das Scheißwetter – die Kumpels und er hatten ein Spiel gegen die Parallelklasse vereinbart, das ist abgesagt worden. Der Sportlehrer hat gemeint, dass Kicken auf dem Kunststoffbelag bei Schnee gefährlich sei. Jetzt seien alle getestet und nicht krank – da wolle er nicht schuld sein, dass sie sich beim Fußball verletzen.
Robert ärgert sich. Alle drehen durch. Sogar der Sportlehrer, der war früher sehr okay – aber von dieser Lässigkeit ist nichts mehr zu spüren. Er redet davon, dass sie bald alle wieder in Quarantäne müssen und tut ganz besorgt. Dass er aus der Spur ist, merkt jeder – aber er gibt es nicht zu. Wenn er nicht mehr weiter weiß, wird er zum Arsch. Er ist der Lehrer, die Schüler haben nichts zu melden, basta. Da ist der Mathe-Prof ganz anders. „Der hat sich vor uns hingestellt und gesagt, nach dem ganzen Video-Unterricht muss er das wieder lernen – dass man sich trifft und so. Und dann hat er die Maske kurz runter geschoben, damit wir sein Grinsen sehen. ‚Wisst Ihr, ich bin froh, dass ich Mathe unterrichte. Da ändert sich nix. Bis das Virus weg ist, kümmern wir uns erstmal um Exponential- und Logarithmusfunktionen.‘ In zwei Wochen ist Schulaufgabe, und ich schnall’s noch nicht. Naja, vielleicht gibt’s einen Lockdown, das wär mal okay.“
Jetzt ärgert sich Renate. Was für einen Schmarrn ihr Bruder da immer daher erzählt. Sie hat diese Lockdowns so gestrichen satt. Ballett ist nicht. Party ist nicht. Ihren Geburtstag wird sie wieder nicht mit den Freundinnen feiern können, wenn es nach denen in der Politik geht.
Alles geht kaputt. Renates beste Freundin Jeanette ist wieder solo. „Sie ist total fertig. Weil: Sie weiß nicht, was da schief gelaufen ist. Der Frank ist eigentlich ein Netter. Und der kommt plötzlich daher und sagt, er kann nicht mehr mit ihr. Ist einfach abgetaucht. Drückt sie am Handy weg, antwortet nicht auf Mails. Man sieht ihn nicht mehr, seine Kumpels haben keinen Plan, wo er ist.“
Ob er nicht wieder zur Schule muss, will Irene wissen. „Jetzt kann er sich doch nicht mehr hinterm Computer verstecken.“
„Kanner schon. Der Lehrer war wohl bei ihm zuhause. Aber gebracht hat’s nix.“
Martin beteiligt sich nicht an der mittäglichen Unterhaltung. Er schaut seine Kinder an und hört ihnen zu – er ist ratlos.
Renate hat sich sehr verändert in den letzten Monaten. Ernst ist sie geworden, sie geht den Dingen auf den Grund. Manchmal forscht sie die Eltern mit ihren Blicken aus, ihre Gedanken behält sie für sich. Das Mädchen lacht nicht oft und schweigt viel, Renate ist eine zu ernsthafte junge Frau geworden.
Robert arrangiert sich ganz anders mit den Dingen. Er rebelliert, streitet, wehrt sich gegen die Erwachsenen-Welt. Robert treibt viel Unfug – er mag es wild und gefährlich. Als ob er sich selbst weh tun will. Dreimal musste er wegen seiner Blödheiten in den letzten sechs Monaten ins Krankenhaus. „Dann haben die wenigstens mal einen ordentlichen Patienten, keinen Virus-Deppen.“
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
