“IST JA EH KRISE”
TANZ DER VIREN II
„Was für eine Scheiße“ sagt der Franz, als Josef erzählt, wie er von den Bullen kassiert worden ist. Alle nicken. Sie kennen das. Sie sind abgeholt und auf unbestimmte Zeit weg gesperrt worden. Ihre Verweildauer auf der Geschlossenen kennen sie nicht. Regelmäßig steht ein Professor oder ein Richter vor ihrem Bett. Dann sollen sie die Hände ausstrecken, und wenn die Finger zittern, haben sie „Verlängerung“. Oder sie werden überfallartig nach dem Datum gefragt. „Sagen Sie, Herr…, wissen Sie, den Wievielten wir heute haben?“ Nein, das weiß man nach ein paar Tagen in der Klapse nicht mehr. Die Zeitung, die ausliegt, ist alt, „Tagesschau“ und Nachrichten interessieren nicht, die Tage verwischen. Aber wenn Du nicht mehr sagen kannst, welches Datum wohl ist, dann zeigt der Daumen vom Richter runter. „Verlängerung“!
Josef erzählt zu Ende.
JOSEF: Der Bulle deutet auf seine Handschellen. Da bin ich ins Grübeln gekommen. Habe es dann besser gefunden, mitzugehen. Meine Frau hat die Tür aufgemacht, sie war so voller Hass, und nach mir gleich wieder zugesperrt. Ich habe von ihr bis heute nichts gehört – nur mein Anwalt meint, sie wird mir Schwierigkeiten machen. Sie hat wohl behauptet, ich hätte ihr gedroht, mit Messer und so. Kein Wort wahr.
LINA: Hört sich gar nicht gut an.
JOSEF: Nee, ist auch nicht gut. Wisst Ihr, was die noch gesagt haben? Vor dem Haus hat ein Notarztwagen gestanden, in den musste ich einsteigen. Ein Bulle hat sich dazu gesetzt. Er hat gemeint, ich soll vernünftig sein, sonst muss er mich fixieren. Ich habe dann keinen Mucks gemacht. Als wir so durch die Stadt gefahren sind, hat er nach draußen geschaut und gemeint: „Wir haben ja sowieso die Krise im Land – da ist es gar nicht so schlimm, was mit Ihnen passiert. Im Augenblick sind ja alle eingesperrt.“
JEREMY: Heut ist der Albert gekommen, der Pfleger, und hat gesagt, dass seine Frau gerade ein Baby bekommen hat. Und wenn er jetzt zur Arbeit fährt, weiß er nicht, wer mehr in der Geschlossenen sitzt: seine Patienten oder seine Familie. Und dann hat der Albert gesagt, dass wir auf jeden Fall besser drauf sind als seine Frau.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
