IN ANDEREM LICHT
TANZ DER VIREN II
Den Lampenschirm fürs Licht im Wohnzimmer hat Hatice beim Ikea gekauft. Sie weiß noch genau, wie stolz und glücklich sie war. Mit ihrem Polo ist sie nach Eching gefahren und hat sich durch die Hallen des Möbelhauses treiben lassen.
Das ist so lang her, gefühlt ist das in einem anderen Leben gewesen.
Sie war in ihrer Münchner Wohnung eingezogen, ein Freund hatte bei den Regalen und den handwerklichen Dingen geholfen. Die Birne im Wohnzimmer baumelte nackt von der Decke, das war ungastlich, also hatte Hatice den Ausflug nach Eching gemacht.
Sie war erwachsen, alles stand ihr offen. Der Streit mit dem Vater war laut und verletzend gewesen – doch jetzt würde sie in der großen Stadt auf die Beine kommen, er würde sich beruhigen.
Und dann würde alles wieder gut.
—
Sie waren doch Vater und Tochter. Auch wenn er gebrüllt hatte, dass sie nicht mehr sein Blut hätte, dass sie nichts mehr in der Familie verloren hätte, dass er sie seiner Lebtag nicht mehr sehen wollte.
(Bis zu diesem Tag hatte Hatice ihren Vater noch nie schreien hören. Er war ein sanfter Mann, er sorgte für seine Leute und beschützte sie. Auf ihn hatte sie sich immer verlassen können. Manchmal verstand er sie nicht, wenn sie aus der Schule oder von den Freunden erzählte. Er hatte es auch nicht gemocht, dass sie auf Partys ging und kein Kopftuch trug – aber er hatte es geschehen lassen. Doch nun – als sie erklärte, sie würde sich ihren Mann zu gegebener Zeit selbst aussuchen und brauche keine Vermittlung – geriet der Vater gänzlich außer Kontrolle)
Der Streit ist eskaliert. Hatice zog aus. Ihr Vater schwor ewigen Hass. Die Mutter weinte, der Bruder versteckte sich.
Weg! Ab in die große Stadt.
Verzweiflung, schlimmer als alles.
Ach was! Zeit heilt Wunden.
Erst einmal wollte sie einen Lampenschirm kaufen.
—
Nein.
Der Papa hat sich nicht beruhigt. Hatice seufzt – niemand in der Wohnung, da darf sie ruhig mal seufzen und zum Schalter schlappen wie eine alte Frau.
Hatice knipst das Licht an. Der Lampenschirm aus Reispapier macht noch immer ein gutes Gefühl. Nicht zu hell wird es im Zimmer, es lebt sich warm und geborgen in der Wohnung.
Geborgen. Wie damals, zuhause in Haldertal. Draußen, vor der Tür mochte es noch so garstig zugehen. Im Haus war die Familie geschützt.
Nun, einen Unterschied gibt es. In München lebt Hatice in klösterlicher Stille – da hilft nur, dass sie den Fernsehapparat oder das Radio einschaltet. Manchmal flüchtet sie sich ans Telefon – bevor die Einsamkeit zu groß wird.
In Haldertal, damals, war immer etwas los. Immer war es laut im Haus. Man weinte und man zankte. Man lachte und man redete durcheinander.
Man lebte wild drauf los.
Das war schön, sehr schön.
Hatice überlässt sich dem Träumen.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
