HOCH GEKÄMPFT
TANZ DER VIREN II
Ahmed war ein stolzer Kämpfer, so hat seine Tochter Hatice ihn gesehen, als sie ein Mädchen war. Ahmed beschützte seine Familie. Er gab der Frau und den Kindern das Gefühl, sie müssten sich für nichts schämen. Sie lebten in der schäbigsten Unterkunft des Dorfs, aber sie machten es sich warm und heimisch.
Morgens um halb acht verließ der Vater die Baracke, zum Sägewerk waren es fünf Minuten Gehweg. Ahmed musste nicht zu seinem Spind, er ging gleich zur Arbeit. Groß war er nicht, aber zäh wie ein Dachshund.
In der Türkei hatte er als Junger bei den Ölringern mitgemacht. War sogar beim Kırkpınar-Festival am Stadtrand von Edirne angetreten. Damals ist Ahmed zwar schon in der Vorrunde ausgeschieden, aber er hat Melek kennen gelernt.
Häuser konnte er in die Höhe mauern. Ahmed kannte sich mit Strom, aus, er steuerte Lastwagen und Gabelstapler. Holzarbeiten mochte er – überhaupt, er mochte jede Art von Arbeit.
Melek war die Richtige. Sie sparten sich einen klapprigen Kleinwagen zusammen, luden die Karre voll und reisten auf der E80 westwärts. Ein halbes Jahr versuchten sie es bei Rosenheim, da arbeitete er in einer Baukolonne, sie putzte Büros. Es war nicht schön, Melek weinte viel, und Ahmed redete gar nicht mehr.
Bis einer der Kollegen ihm vom Sägewerk in Haldertal erzählte, dort suche man Leute, aber keiner wollte in den hinteren Allgäu-Winkel, wo nichts eine Zukunft hatte.
Melek und Ahmed versuchten es. Sie machten es sich in der Baracke wohnlich. Die Kispet, die Ringerhose aus dem Leder des Wasserbüffels, bekam einen Ehrenplatz im Glasregal des wuchtigen Wohnzimmerschranks.
Selim wurde geboren. Ahmed war so stolz.
Mit seiner Frau sprach er über die kommenden Freuden. Sie würden es in Haldertal schaffen, sagte er. Da ließ er sich nicht von den Leuten irre machen, denen die Gastarbeiter in der Baracke unheimlich waren.
Die Frauen tuschelten, man wisse nicht, welche Krankheiten das Pack einschleppen würde. Was solle man schon von Menschen halten, die kein Schweinernes mögen und sich zum Beten auf Teppiche knien?
Manchmal kam die Rede auch am Stammtisch auf die Ahmed-Sippe.
Und anfangs war man sich einig im „Ochsen“:
Türken lügen. Türken stinken, sie schweißeln an den Füßen und unter den Achseln. Unter den Achseln wachsen ihnen überdies die schwarzen Haare in Büschen, die Männer sind am Rücken zottelig wie Bären. Wer ihnen in Sachen Religion quer kommt, bekommt irgendwann ein Messer zischen die Rippen, die Türken sind fürchterliche Fanatiker und seit der Zeit der Kreuzzüge unberechenbar. Faschisten sind sie sowieso. Und eigentlich sind sie Araber, die in Europa nichts zu suchen haben. Sie kennen keine Regeln und keine Ordnung. Türken denken, sie sind die ganz Schlauen und versuchen jeden zu betrügen, der ihnen über den Weg kommt. Türken sind faul und schlampig. Und sie sind eine Gefahr für Deutschland.
Nach Selims Geburt wurde Ahmed, der unnahbare Ahmed, zugänglicher. Er radebrechte mit den Kollegen. Er half, wenn sie privat bauten und jemanden brauchten. Er meldete sich beim Fußballverein an.
Manchmal, an Freitagabenden, erschien er im „Ochsen“ und durfte sich an den Stammtisch setzen. Die Männer lächelten einander an, prosteten sich zu und gewöhnten sich an den Türken, den Wassertrinker, den Schweiger.
Eigentlich war er ganz in Ordnung.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
