HITLER
Herbst ‘19, #4.
Vor hundert Jahren war es ein schönes Wetter in München. Nicht wie heute, wo schweres Gewölk übers Bayernland walzt. Vor hundert Jahren könnt‘ es durchaus gewesen sein, dass ein Föhn die Menschen ein bisserl narrisch gemacht hat. Vielleicht waren sie auch ein wenig aufgeregt, weil in drei Tagen das Herbstfest beginnen sollte (das war, nach dem verreckten Krieg, dem saudummen, die Rückkehr zum Normalen, vielleicht würde man bald wieder eine Wiesn haben mit einem Pschorr-Zelt, in das 12000 Menschen passten).
Den zwei Männern, die vor hundert Jahren zum Spaziergang in den Englischen Garten einbogen, war das Herbstfest wurscht. Sie hatten große Pläne mit der Welt. Die galt es zu bereden. Der Eine von den Beiden, Dietrich Eckart, der Ältere mit einem runden Gesicht, in dem der gestutzte Schnauzbart ein wenig klein schien, hat die Gespräche später aufgeschrieben.
Der Bolschewismus von Moses bis Lenin. Zwiegespräch zwischen Adolf Hitler und mir
Also, die zwei Herren – der Jüngere war ein dürrer Kriegsheimkehrer, den seine Kameraden für schwul hielten, der ein recht feiger Hund in der Schlacht gewesen ist und der trotzdem beim Angeschossen-Werden fast erblindet wäre – wanderten ruhigen Schritts durch die Botanik und politisierten.
Der Jüngere erzählte, dass er jetzt endlich in einer Partei sei. Bei den Deutschen Arbeitern. Das nenne sich DAP – aber bei dem Namen lasse sich was machen. Jetzt werde er erst einmal regeln in der Partei. Und dann sei es an der Zeit, in der Welt aufzuräumen.
Logisch, es ging um die Juden. Vor allem um sie, diese Granaten-Hintertreiber. Man müsse sie bekämpfen, sagte der dürre Mann mit dem zu großen Schnauzer (Hitler Adolf hieß er sich – und der Ältere, der Eckart dachte, den Namen würde man sich merken müssen):
„Wenn’s nach mir ginge, müssten in allen Schulen, an allen Straßenecken, in jeder Gaststätte Plakate hängen, auf denen stünde: Die Juden – große Meister im Lügen. Auf jeden von ihnen trifft das zu, ganz gleich, ob hoch oder niedrig, Börsianer oder Rabbiner, getauft oder beschnitten.“
„Und sie sind ja überall.“, sagte der Eckart.
„Wie wahr. Eine asiatische Horde – an der Isar, an der Spree, am Main, an der Themse, dem Hudson, der Seine, an der Newa, an der Wolga. Überall diese Horde der Falschheit.“
Da erinnerte sich der Eckart doch gleich mal der verhassten Russiaken.
„Eine Kloake der Niedertracht – und mittendrin das jüdische Geschmeiß.“
Drauf der Hitler: „Ich sag‘ es noch einmal: Große Meister im Lügen. Nur einen Augenblick das vergessen, und schon bist Du der Lackierte.“
Jaja, murmelte zustimmend der treue Eckart. Und hob die Stimme:
„Schon Luther ruft dem Juden zu, ,Du bist nicht ein Deutscher, sondern ein Täuscher, Du bist kein Welscher, sondern ein Fälscher.“
Darauf der Adolf:
„Wahnwitzig ihre Perversität und ihre ödeste Phrasendrescherei in einem Atemzug. In den jüdischen Köpfen muss es fürchterlich aussehen.“
So gingen sie fürbass.
Der Hitler stand in der untergehenden Sonne, der Monopterus glomm von ferne, von der Ludwigskirche schlug es sechs. Gleich musste er, der Adolf, zur Parteiversammlung, doch zuvor wollte er noch etwas für die Ewigkeit los werden:
„Wenn dem Juden nicht Halt geboten wird, vernichtet er die Menschheit. Er kann nicht aus, er muss es tun. Dieses Gefühl ist die Hauptursache seines Hasses. Einen mit aller Gewalt vernichten zu müssen, gleichzeitig aber zu ahnen, dass das rettungslos zum eigenen Untergang führt, daran liegt’s. Wenn du willst: Das ist die Tragik des Luzifer.“
An dieser Stelle brechen die Aufzeichnungen Dietrich Eckarts ab. Das Hinscheiden dieses rein deutschen Dichters und Kämpfers verhinderte die Vollendung dieses hochbedeutsamen Werkes. Doch dürfen wir hoffen, dass Adolf Hitler nach der Beendigung des gegenwärtig gegen ihn in München anhängigen Hochverratsprozesses die Liebenswürdigkeit haben wird, die Vollendung dieses Werkes zu übernehmen. München, 1. März 1924. Hoheneichen-Verlag.
Alles gut, soweit. Hitler hat die „Liebenswürdigkeit“ gehabt.
Und noch eins: Ein schöneres Wetter hat er auch gehabt, vor hundert Jahren.
