HEILE WELT
- februar —- winter 16/17, Folge 43
New York, Queens, Mai 1980.
Hat der Alte was gesagt? Sicher, er belfert ja immer noch, unten an der Treppe. „Säufer“ hört Fred und „rausschmeißen“ und „keinen Dollar, nicht einen Cent, jetzt ist endgültig Schluss.“
Dann die Stimme der Mutter. Sie redet leise, sie will ihren Mann besänftigen.
Das macht den noch zorniger. „Er ist ein Verlierer. Ein Trump – ein Verlierer! Das kann nicht sein.“
Ja klar, es ist die alte Platte. Immer die gleiche Rille. Fred junior, der Verlierer. Fred junior, in den man soviel Mühe, soviel Geld rein gesteckt hat. Und jetzt baut er nur Mist. So einer gehört nicht in die Familie. Er hat seine Chance gehabt, er hat echt seine Chance gehabt.
Nun ist Schluss.
Claires Stimme, klar und freundlich. „Sir, Madam, das Abendessen ist fertig. Soll ich Mister Fred junior Bescheid sagen?“
„Blödsinn“ raunzt Fred senior. „Der isst doch nichts – voll, wie er ist. Außerdem will ich ihn nicht am Tisch sehen. Was ist mit Donald? Sollte der nicht kommen?“
„Nicht heute, Fred“, sagt Frau Trump. „Er ist mit Ivana in der Stadt bei einem Empfang…“
„Ah ja, weiß es wieder. Mit den Typen von der Stadt. Der wickelt die ein, das ist gut.“
Stille im Erdgeschoss. Dann brüllt die Stimme des Vaters:
„Hörst Du es, Du Versager? Dein Bruder zeigt Dir, wie es geht. Das ist ein guter Trump. Kannst Du mich hören, du Niete?“
Er könnte schon. Aber Fred mag nichts mehr vom Alten wissen. Er erledigt seine Sachen, in kluger Reihenfolge:
- Pissen. Der Urin hat eine rötliche Färbung, das sieht nicht gesund aus. Doch das Pinkeln erleichtert ungemein. Fred seufzt froh, zieht den Reißverschluss hoch.
- Musik. Er schlingert in sein Wohnzimmer zur Stereoanlage. „Day out – day in/I needn’t tell you how my days begin/When I awake I get up with a tingle/One possibility in view/That possibility of maybe seeing you.” Billie Holiday, alte Schnapsdrossel, Du Schwester im Geiste. Sing’ weiter, bring’ mir den Blues. Lauter drehen, noch lauter!
- Hausbar. Whiskey. Bushmills Malt. Drei Finger hoch, dann muss Fred nicht gleich wieder aufstehen.
- Fernseher. M*A*S*H. Ton abstellen, Bild laufen lassen.
- Couch. Setzen. Trinken. Nachdenken.
Fred ist zufrieden, dass er den Pegel wieder im Griff hat. War ein langer Weg vom „Terminal“ in der 8th Avenue/Ecke 41st Street hierher nach Queens. Der Taxifahrer hat die ganze Zeit gelabert, und Fred ärgerte sich die Plötze, dass er sich keinen Schluck für die Fahrt organisiert hatte. Musste den Fahrer bitten noch einmal anzuhalten, dann konnte er sich ein Getränk besorgen.
War ganz gut gewesen, der Nachmittag. Fred hatte mit einer drallen Blonden rum gemacht, sie hätte ihn wohl gerne eingeladen. Aber Fred mochte nicht mehr eingeladen werden. Das war finito mit den Ladys, das gab ihm nichts mehr.
Der Barmann im „Terminal hatte ihm geraten, die Biege zu machen, bevor der Tag aus dem Ruder lief. Und brav hatte sich Fred ein Taxi kommen lassen.
Jetzt sitzt er hier bei seinem irischen Whiskey und fühlt sich sicher.
So sicher, wie einer sich fühlen kann, der weiß, dass er am Alkohol sterben wird – und lange hat er nicht mehr.
Das mit dem Sterben ist schon okay, daran ist jetzt auch nichts mehr zu ändern.
Fred Trump steht auf und tappt zu seinem Schreibtisch. Ein wuchtiges Möbel ist das, er hat den Tisch nie gemocht. Aber die Mutter legt Wert darauf, dass man etwas hermacht am Schreibtisch – also steht das Teil jetzt da.
Der große Mann mit dem knittrigen hellen Anzug nimmt ein Foto vom Tisch und sieht drauf.
Fünf junge Menschen. Er steht in der Mitte, er ist der Älteste. Souverän sieht er aus, schlank und optimistisch. Er sieht aus wie einer, dem alles zufliegt.
Die Geschwister links und rechts. Brüder mit blasierten Gesichtern. Die Schwestern, kalt und mit falschem Gelächel.
So war das. Der Vater hat den Fotografen bestellt, und die fünf Kinder haben posiert wie Gewinner.
Fred sieht sich in sein jüngeres Gesicht. Er kann da ein Lachen erkennen – das Lachen eines jungen Menschen, der sich auf das freut, was kommen wird. Er erinnert sich: Damals ließ er sich zum Piloten ausbilden und fand alles spannend. Hatte noch keine Familie. Kümmerte sich nicht mehr um den furchtbaren Vater. Trank noch nicht.
Damals war es gut.
Ein bisschen schräg stellt Fred das Foto zurück auf den Tisch. Er zieht eine Schublade auf.
Ihm bleibt nicht mehr viel zu tun.
Er wird das alles aufschreiben. Diese Zeit, als die Dinge noch gut waren. Diese Sachen mit den Geschwistern. Dieses Ding mit Dad und Mom und so.
Er wird es aufschreiben, weil es sein muss.
Danach kann gestorben werden.
Wie fängt er an?
Vielleicht:
Falls Sie wirklich meine Geschichte hören wollen, so möchten Sie wahrscheinlich vor allem wissen, wo ich geboren wurde und wie ich meine verflixte Kindheit verbrachte und was meine Eltern taten, bevor sie mit mir beschäftigt waren, und was es sonst noch an David-Copperfield-Zeug zu erzählen gäbe, aber ich habe keine Lust, das alles zu erzählen.
Nein, so geht das nicht. Der Text gehört nicht Fred Trump. Der gehört seinem Lieblings-Schriftsteller. Ein Fred Trump singt keine Billie Holiday nach und er schreibt keinen anderen ab.
Ein Fred Trump hat etwas Eigenes zu erzählen.
Morgen: Das Geschreibsel muss verschwinden
