HALT
scheisszeitenwende 107
„Ich reise mit einer großen Zahl Zeichnungen zurück und habe so recht den Eindruck, ich hätte viel Neues gelernt.“
So hatte Andreas Walser nach einer Korsika-Reise notiert und war mit großen, übergroßen Hoffnungen nach Paris zurückgekehrt.
Alors, vas-y!
„Nun, seit Sonntag sind wir wieder in Paris – und ich habe schon drei große Leinwände mit Bildern vom Meer. Die Reise hat gut getan.
Aber irgendwo marschiert’s nicht. Dort, wo niemand mehr helfen kann. Ich trinke und vergesse. Warum auch nicht? Einmal werde ich vielleicht irgendwie genug haben. Und dann sieht man, dass ich doch etwas zu tun hatte.“
Betrunken, berauscht, besessen taumelte Walser durch die Tage. Er versuchte sich an den Menschen festzuklammern. Er traf den deutschen Schriftsteller Klaus Mann – sie betranken sich, raunten sich Mut zu. Walser sagte, „Klaus, es gibt da einen ganz Großen: Jean Desbordes. Ein unglückliches Genie. Finde einen Verleger – Du kennst doch welche.“
Klaus Mann machte sich Sorgen um den haltlosen Maler. Er versuchte einen Verleger für diesen Desbordes zu finden. Schrieb, aus Sorge um Walser, Ende 1929 einen Brief: Lieber Andreas, was mich betrifft, ich hätte alles Interesse, dass eine deutsche Ausgabe von Desbordes zu Stande käme; ich will auch alles dafür tun, was irgend in meinen Kräften steht, zum Beispiel das Vorwort schreiben. Aber große Hoffnungen machen kann ich nicht. Die Verleger sind widerspenstig. Im Januar hoffe ich Sie in Paris zu sehen. Herzlich.
- März 1930. Andreas Walser wurde tot im Atelier gefunden. Cocteau glaubte an Selbstmord. Vermutlich aber war es „nur“ eine Überdosis.
Andreas Walser ist schon mal im Urinal eines Bistros umgekippt und eingeschlafen. Wenn er durch seine Räusche torkelte, gab es keinen Halt. Er war, so haben sich später alle erinnert, immer ein harmloser, friedlicher Selbstzerstörer. Dunkles gescheiteltes Haar, spitze Nase, sinnliche Lippen. Ein schlanker, sentimentaler junger Mann, der nicht leicht lächelte. Fast immer mit einer Zigarette oder etwas Rauchbarem zwischen den Fingern. Einer, der sehr genau zuhörte und ernsthaft war wie ein alter weiser Mann.
Eine Überdosis? Quatsch! sagte Klaus Mann. Erschossen hat er sich.
Egal.
Walser ist kurz vor seinem 30. Geburtstag zu Grab getragen worden.
