AUFWÄRTS
scheisszeitenwende 106
Im Sommer 1929 reiste der immer-mit-sich-hadernde Maler Andreas Walser von Paris in die heimische Schweiz. Es war eine Flucht aus dem Inferno der barbarischen Bohème. Der junge Mann hatte eine „journée magnifique“ bei Kirchner. Der in diesen Dingen erfahrene Künstler nahm sich Walser in Davos streng zur Brust. Schluss mit den Drogen, Andreas! Sonst…
Alles schien sich zum Guten zu wenden.
Erfolg mit den Bildern. Gruppenausstellung in Paris, Walser, mit einem Picasso-Porträt dabei. Die Kritiker lobten ihn sehr.
Sein Leben wurde licht.
Er aber taumelte. Wie ein Boxer nach dem zweiten Niederschlag und vor dem Knockout.
„Einst liebte ich das Leben, jetzt wünsche ich mir den Tod. Ich rufe nach ihm, weil ich zu denen gehöre, die nicht für das Leben gemacht sind. Die das Leben nicht oder zu gut verstehen. Oh, es ist so hart, so kalt: Ein junger Mann wird sterben. Ich atme nicht mehr die Luft der Erde. Ich sehe mich nicht mehr, meine Freunde. Ich habe das Totenreich betreten. Ich warte träumend. Es gibt Menschen, die für das Leben gemacht sind. Und solche, die für den Tod leben.“
Er wollte weiter machen. Das war doch alles zu schön.
„Von meinem Balkon aus sehe ich Menschen, die den Boulevard entlang gehen. Lustig, alle diese großen Hüte und die kleinen Füße. Noch nie habe ich so viele schöne junge Männer gesehen. Der Boulevard wird geheimnisvoll, das Leben auf der Straße wiederholt sich nie. Die Nacht vergeht, der Tag bricht an. Mein Kater wacht auf und tappt in den Morgen. Der Balkon ist mein Paradies auf Erden.“
Mit seinem Freund Guy de la Pierre zog Walser in die Rue Armand Moisson. Vielleicht würde hier alles neu, alles besser werden.
Andreas Walser reiste nach Korsika. Zuerst malte er nicht, war wie erschlagen von der Welt.
„Blauer Himmel, tief blaugrünes Meer, Heiße Sonne. Marseille ist von einer unvergesslichen Schönheit.
Das Meer ist mir ein Wunder und schon lange ein Traum. Unfassbar groß ist es und viel zu gewaltig auf mich einwirkend. Dieses Licht hier! Ich bin glücklich, und alles ist mir neu.
Es ist seltsam: Ich arbeite gar nicht. Aber es wird eingehen in mich und dann zum Ausdruck kommen.
Ajaccio, den 22. Februar 1930. Wieder in Paris werde ich Leinwand kaufen und all das malen, was ich am Meere gesehen habe. Ich reise mit einer großen Zahl Zeichnungen zurück und habe so recht den Eindruck, ich hätte viel Neues gelernt.“
