GEHTS NOCH?
TANZ DER VIREN, II
München, zweiter Tag des Jahres, in dem alles besser wird. Wieder ein wenig Sonne.
Aber kalt ist es.
Im südlichen Teil des kleinen Parks an der Biedersteiner Straße spielen zwei Familien Fußball. Im nördlichen haben 30 junge Menschen die Mannschaften ausgelost, tragbare Tore aufgestellt und tragen ein großes Match aus. Auf einer Bank sitzt eine alte Frau, sie isst eine Leberkässemmel und guckt dabei in den kahlen Baum über ihr. Auf der Bank daneben trinken drei Herrschaften Bier und Schnaps, sie reden nicht viel, Mundschutz brauchen sie nicht, sie wollen ihre Ruh‘. Ein Mann mit billiger blauer Maske kommt über den Kiesweg. Er trägt einen braunen Nylonrucksack, alte Jeans, einen abgewetzten grauen Anorak, über der Maske eine helle Mütze, lange stumpfe Haare kräuseln sich auf die Schultern des Anoraks.
Der Mann baut sich vor den Herrschaften auf. Er brüllt los.
„Geht’s noch? Ihr seid doch nicht mehr zu retten, Ihr.“
Die Herrschaften – eine verlebte Lady und zwei ausgesonderte Schwabinger Hippies blicken zu dem schreienden Menschen hoch, sie zucken mit den Schultern.
Er ist ein schlechter Bekannter. Wohnt in der Feilitzschstraße. Ferdl heißt er, aber das will er nicht mehr hören. Wenn ihn einer mit „Ferdl“ anspricht, droht er sofort mit einer Rauferei. Nun, noch nie hat jemand gesehen, wie sich der Mann mit einem gehauen hat. Der Ferdl – oder wie auch immer er sich jetzt nennt – ist keiner, an dem man sich die Hände dreckig macht. Man geht ihm und seiner Wut aus dem Weg.
Eine Zeitlang, so hieß es, sei er gottfromm und eine Betschwuchtel gewesen. Später ist man ihm kaum noch begegnet. Wie eine Lemure ist er zum Supermarkt gehuscht, hat sich eingedeckt und ist wieder verschwunden in seiner Feilitzsch-Höhle.
Als der Ministerpräsident Söder das Volk zum ersten Mal in Quarantäne schickte, ist der Ferdl wieder da gewesen. Das Gewand war aus einer anderen Zeit. Maske und die Mütze hat er bei jedem Wetter auf gehabt, den ganzen Sommer. Der Rucksack war mit ihm (niemand weiß, was drin ist). Und das Gebrüll.
Die drei Herrschaften auf der Bank schauen ihn wortlos an und lassen ihn belfern. Sie kennen das Geschrei. Und sie wissen, dass der Ferdl irgendwann müd‘ wird und dann weiter zieht. Bis er die nächsten Opfer entdeckt und ihnen seinen Vortrag hält.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
