FLIEHEN
TANZ DER VIREN II
Im Radio plärrt ein aufgeregter Sportreporter. Er kommentiert den gelungenen Slalomlauf eines deutschen Sportlers aus dem schweizerischen Adelboden.
Welten weg ist das.
Hans steht am Ofen und reibt sich die Hände. Er ist nur kurz draußen gewesen, bis zum Waldrand ist er gestapft, das sind vielleicht hundert Schritte, er hat gegen eine Fichte gebieselt, Schnee über das Uringelb geschoben, ist zurück gegangen, hat noch einmal nach Nordosten geschaut, da kann er bis ins flache Bayern sehen, im Land draußen hat sich der Nebel festgesetzt, das sieht sehr ungemütlich aus, Hans hat sich überlegen gefühlt, oben in der Wintersonne – dann ist er in die Hütte, hat Holz nachgelegt, und nun wartet er, dass die Wärme in den Körper kriecht.
Danach setzt er sich an den groben Holztisch, schlägt das Notizbuch auf. Es ist ein teures Moleskine, das er bis zu diesem Augenblick nicht angetastet hat.
Er schreibt in großen Buchstaben auf die Seite 1:
LAST EXIT
Wie der Hans auf eine einsame Berghütte gekommen ist
Hans blättert um. Nun beginnt er:
—
Hans – ja, unser Hans – geht ins Anderland.
Es ist ein tückischer Spätherbsttag des geschissenen Corona-Jahrs. Hans hockt auf einem Baumstumpf, blickt ins ferne Gebirg‘ und sieht von Westen das Wetter kommen. Grau, fast schwarz, in einer breiten Walze rollt es.
Eben noch war Hans nüchtern. Seit Wochen nullkommanull, trotz seines Landstreicherlebens.
Aber jetzt hatte er den Alkohol im Gepäck.
Gekauft. Geplant. Geschlagen, besiegt.
—
Im Sommer noch ist er der Gewinner-Hans gewesen. Er hat sich aus dem Morast heraus gewühlt.
Neue Frau. Arbeit. Zukunft.
Alles gut.
Dann hat man ihm gekündigt.
—
Er gibt den Alkohol in sich hinein, der Hans.
Dauert ja nicht lang, bis der Blitz, der dumpfe, einschlägt.
—
Er ist in den Bergen angekommen, es war eine wilde Reise. Jetzt hat er sich niedergesetzt, für den Augenblick ist es genug.
Die Berge jaja, ebeneben, hallo.
Nein, er ist noch nicht betrunken, er tut erst einmal so – weil er die Wirkung spürt, und weil er später betrunken sein wird und die Wirkung nicht mehr so kosten kann.
Gleich wird der Rausch über ihn kommen – er freut sich. Hallohallo.
—
Vortags ist Hans am Feld im Dachauer Hinterland gewesen und hat staunend „seine“ Roten Bete gesehen. Sie stakten, dicht an dicht, aus dem Acker, hunderte, tausende, aberzehntausende. Das Unkraut, das ihnen mal zu schaffen gemacht hat, hatten sie überdauert, sie waren die Gewinner der Jahreszeit.
Hans wollte eine Rote Bete aus dem Boden reißen, doch dann kam es ihm vor wie schweres Verbrechen.
Dieser Bauer!
Dem würde er nichts klauen, dem nicht, da würde er sauber bleiben.
Der Bauer hat ihn raus geschmissen, obwohl der Hans hart gearbeitet hatte. Das hat den Bauern nicht interessiert, von einem Tag auf den anderen hat er dem Hans und seinen deutschen „Kollegen“ in den Arsch getreten.
Es war schlimm. Hans hat den Halt verloren, er ist einen Sommer lang getaumelt. Marie wollte ihn nicht mehr sehen. Sein Zimmer bei Freunden wollte er nicht mehr haben.
Er kannte das ja: Wie es ist, ohne Obdach zu sein. Von früher kannte er das. Von der Zeit vor der Feldarbeit und vor Marie.
Herrjemine – dann war es eben jetzt wieder so. Ohne Obdach. Er schlief in den Wäldern, auf Bänken, in Bushäuschen, am Isarufer, am Ammersee und am Starnberger See, manchmal in der Stadt im Eingang einer Bank.
Man glaubt nicht, wie schnell ein Mann verkommen kann. Selbst wenn er nicht säuft.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
