FLASCHE!
TANZ DER VIREN II, Folge 84
Irene, die Mutter, „haut“ sich nach dem Essen eine halbe Stunde „aufs Ohr“. Robert und Renate, die Kinder, verschwinden in ihren Zimmern, von ihnen wird bis zum Abendessen nichts mehr zu sehen sein. Martin Stäbler legt ein All-in-one-Powerball-Tab ins Fach der Geschirrspülmaschine schließt die Tür, das 75-Grad-90-Minuten-Intensivprogramm nimmt seinen Lauf.
Wasser rauscht in der Maschine.
Stäbler putzt die Zähne, schaut den Mann im Spiegel an. Rasieren sollte er sich. Blass ist er. Ein noch nicht mal Fünfzigjähriger mit Tränensäcken und geplatzten Äderchen in den Augen. Weil die Friseure seit Monaten geschlossen sind, schert sich Stäbler mit einem Elektrorasierer den Kopf glatzenkurz – er sieht aus wie ein Kumpel von Steve McQueen in „Papillon“.
Schlecht sieht er aus – weggelebt und entmutigt.
Vom Bad sind es fünf Schritte über den Flur, der schweigende Mann biegt nach rechts ab in sein Zimmer, schließt die Tür, öffnet ein Fenster zur Straße – immer noch im Schneetreiben – hin. Martin Stäbler schaltet den Computer ein, versucht sich auf die Arbeit zu konzentrieren.
Ein Container voller Medizin-Kram muss aus Busan nach Hildesheim. Das ist kein Ding – da muss er die Daten und Termine eingeben, eine Minute später ist alles errechnet. Stäbler muss sich nur auf seinen Job konzentrieren – dann hat er auch bald seinen Feierabend für heute, und keiner merkt, wie leicht es gegangen ist.
Doch er schweift schnell ab.
Der Ärger verdrängt alles Andere.
Das ist ja nicht mal eine Depression. Da legste Dich ins Bett und hast fertig mit allem.
Nee, eine Depression ist es nicht. Für sowas gehste zum Psycho-Heini, der verschreibt kleine weiße Pillen – und Du funktionierst.
Aber hier gibt es keine Pillen.
Nix klappt, nix ist in Ordnung, nix macht Bock.
Warum soll ich mit denen noch essen?
Spaghetti. Vollkorn-Buletten. Vegetarische Maultaschen. Spinat mit Knoblauch und gerösteten Sonnenblumenkernen. Tofu-Burger. Nudeln. Getreide-Frikadellen. Kässpatzen. Bohnen an Butter. Veggie-Whopper. Bio-Buletten. Tagliatelle quattro formaggi. Bärlauch-Buabaspitzla. Vegane Fleischpflanzl. Gefüllte Zucchini. Chili-Tacos…
Gähn. Immer das Gleiche – immer an den gleichen Wochentagen. Und jedesmal kündigt Irene das Essen an, als ob sie Madame Bocuse ist. Dabei kann sie nicht mal besonders kochen.
Am Morgen Meeting mit den Langweilern. Tagsüber Home Office, der Chef reibt sich die Hände, er wird reich. Und ich werde alt.
Abends auf der Couch übernachten und nicht einschlafen.
Ich denke nicht mal mehr an Frauen.
Als ob ich gar nicht mehr da wäre.
Martin Stäbler rafft sich auf, erledigt die Planung für Hildesheim. Anschließend mailt er dem Chef, dass er morgen Überstunden wegbummeln wird, weil nichts Besonderes ansteht. Er ist übermorgen wieder auf dem Schirm.
Martin Stäbler hat einen Plan. Er nimmt die Geschichte jetzt selbst in die Hand.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
