FAMILIE
„2017”*, Folge 81, 7. Dezember. “Durchs Land”/XXIII.
Staffelstein. Im „dal trullo“ züngelt ein nettes künstliches Feuerchen im gusseisernen Ofen. Krohn ist der einzige Gast. Müde, müde – das war ein langer Marsch heute. Nach endlosen Kilometern im verkehrsgeplagten Maintal ist Krohn noch nach rechts abgebogen, auf den Staffelberg gestiegen und hat ins kalte verdämmernde Land geguckt. Er war der einzige Mensch auf dem trostlosen Plateau und beeilte sich, in die Stadt zu kommen.
Nun sitzt er, geduscht und mit trockenen, ansprechend riechenden Klamotten, in der Pizzeria und liest das „Zeit-Magazin“.
Carl Lagerfeld, 84-jähriger magersüchtiger Künstler-Darsteller mit Zopf und Frauen-Gesicht, hat episch breit seine Befindlichkeit offen gelegt. Natürlich hat er auch diesmal nicht vergessen, sich über seine Kindheit auszulassen.
„Meine Mutter, das war eine Nummer! Gegen sie bin ich ganz bescheiden. Sie hatte immer recht. Sie war so schlagfertig, gegen sie bin ich richtig langsam. Alle mussten alles für sie tun und sie tat für niemanden etwas. Und hinterher haben wir uns alle auch noch dafür bei ihr bedankt.
Der Vater aber war ein lieber Mensch. Ich mache mir heute noch Vorwürfe, dass ich nicht lieb genug zu ihm war, weil er ein bisschen langweilig war. Geschäfte, Geschäfte, er kontrollierte mit seiner Firma Glücksklee mehr als 50 Prozent des deutsch-französischen Kondensmilchmarkts.
Er war ein großzügiger Mensch, hat mir Autos geschenkt, alles, was ich wollte. Und er sagte zu mir: ,Bitte mich um alles, was Du willst, aber nicht vor Deiner Mutter.‘ Sie hat sich immer über ihn lustig gemacht, weil er nicht Nein sagen konnte.
Meiner Mutter gehörte ein Haus in Baden-Baden, und als der Vater starb, er war, glaube ich, noch nicht mal richtig unter der Erde, hatte es meine Mutter schon verkauft. Sie hatte gar nichts gegen das Haus, aber sie hatte eine kleine Spielsucht, und wenn man ein Haus in Baden-Baden besaß, durfte man nicht ins Casino. Also weg damit!“
Krohn legt das Magazin zur Seite und lächelt.
Er kennt die Geschichte. Der Lagerfeld hat seinen Alten mal besucht, vielleicht sollte der ein Haus für den Modeschöpfer entwerfen – und da hat der Gast – er hatte auch damals einen Pferdeschwanz und war eine fette Schwuchtel – die Anekdote von der schrulligen Mama zum Besten gegeben.
Krohn senior war sehr zurückhaltend an diesem Nachmittag. Das lag vielleicht daran, dass Lagerfeld keinen Alkohol trank und sich auch der Gastgeber mit Kaffee begnügen musste. Das passte ihm gar nicht. Zu dieser Zeit – er war vielleicht 55 – brauchte Sebastian Krohn nachmittags sein Bier, sonst wurde er ungnädig.
Vielleicht war er aber auch deswegen so still, weil ihn Lagerfeld Familiengeschichten in den Bann schlugen.
Hans Krohn erinnert sich immer noch, wie dieser Mensch ohne Punkt und Komma erzählte.
Als ihn die Mutter – da war er 30 und Kreativdirektor bei Chloé – in Paris besuchte. „Da hat sie mich so begrüßt: ,Schade, dass du dich nicht über den Hof gehen siehst, sonst hättest du gesehen, was für einen dicken Po du gekriegt hast.‘“
„Sie wollte lesen und Briefe schreiben. Die hatte keine Lust auf Kindergeschwätz. Man musste schon etwas Erwachsenes sagen.“
„Ich war ja auch größenwahnsinnig als Junge, ich durfte zuhause alles, wenn ich nur nicht gestört habe. Das Einzige, was ich gemacht habe, war lesen und Sprachen lernen und zeichnen. Als Kind hatte ich nur einen Wunsch: erwachsen zu sein – und ernst genommen zu werden.“
„Mein Vater war gepflegt und raffiniert. Und meine Eltern hatten so viel Garderobe, dass sie damit locker durch den Krieg kamen.“
Wie lang hat damals dieser fremde Mann monologisiert? Stunden, Stunden!
Dann kam sein Fahrer, er verabschiedete sich mit Handkuss von der Mutter, der große Wagen rauschte in die Welt.
Und Sebastian Krohn schenkte sich einen Schnaps ein.
Schnaps soff er nur, wenn er nicht mehr denken wollte.
xxx
Sebastian Krohn war ein Angeber und einer, der immer was zu sagen hatte. Er schien ohne Zweifel.
Nur auf seine Wurzeln durfte ihn niemand ansprechen.
Er mochte noch soviel über sich und seine tollen Taten fabulieren – nie, nie, nie redete er über die Zeit, als keine Eltern da waren.
Kindheit?
Nein!
*“2017“ beginnt in der Kalenderwoche 38 des Jahres 2017 und endet am 31. Dezember. Thema: 105 Tage Deutschland. Unterwegs in der „Heimat“.
