ES IST GENUG
TANZ DER VIREN II
Frau Angerer isst langsam und nachdenklich. Sie sieht zu den Fußballspielern, sie schaut hinüber zu den Familien, die am Kicken sind, sie blickt den brüllenden Ferdl an. Unentschlossen ist Frau Angerer im Denken.
Vielleicht wird es mir jetzt wirklich zuviel, sagt sie sich. Ich mag es eigentlich nicht mehr haben.
Vor vier Jahren ist ihr Mann gestorben. Sie hat sich gehalten. Im Fernsehen schaut sie das “Traumschiff” und Volksmusiksendungen, sie guckt gerne „Aktenzeichen XY“, weil sie sich dann freut, dass sie Glück gehabt hat, weil sie ihrer Lebtag nicht vergewaltigt worden ist. Weihnachten hat sie ein bisschen gespendet, die Rente war zu klein für mehr, die letzte große Reise ist ein Tagesausflug nach Andechs gewesen – aber Frau Angerer mochte sich nicht beklagen. Bei wem auch? Sie ist froh, dass sie nicht ins Altenheim muss. Einmal in der Woche trifft sie sich mit Freundinnen beim Konditor, – ach nein, das geht ja seit Wochen nicht mehr. Aber schön ist es gewesen. Allesamt waren sie hübsch aufgemaschelt und trugen ein Eau de Cologne. Zwei Kinder hat Frau Angerer, die rufen bei Geburtstagen und an Feiertagen an, ansonsten sind sie gut drein versorgt in die Welt.
So könnte es denn auch getrost zu Ende gehen, das Ganze.
Stattdessen spielen hier an einem helllichten Sonntag erwachsene Männer mit ihren Kindern Fußball, die Menschheit muss Masken tragen, alle haben irgendwie Angst – und der verrückte Ferdl darf frei herum brüllen in einem öffentlichen Park.
„Ich werde es Euch allen zeigen. In die Fresse – immer satt in die Fresse.“
Eventuell muss jetzt wirklich Schluss sein, denkt Frau Angerer. Aber ich habe nicht einmal mehr einen Gashahn, den ich aufdrehen kann.
„Ihr werdet erleben, wie das hier satt in die Birne geht. Das wird ein Kopfschuss für alle. Der große Erlöser hat uns den großen Bolzen an den Kopf gelegt, jetzt geht es PÄNG.“
© ILLUSTRATION: JOHANNES TAUBERT
