ERNST, ERNST, ERNST
TANZ DER VIREN II
Markus Recknagel mag vielleicht 55 sein, vielleicht 60 – man sieht es ihm nicht an. Er hat einen Körper wie ein 40-Jähriger, ist braungebrannt, penibel rasiert und auf dem Kopf fast kahl geschoren. Recknagel mag keine langen Sätze, er kann überhaupt das Gequatsche der Leute nicht besonders leiden.
Er trägt Kampfmontur und schwere Stiefel.
Jetzt sitzt er mit Ferdl zusammen, denn sie besprechen die kommenden Wochen. Ferdl ist der Verantwortliche fürs Haupthaus, er wird sich um Mischa Grabhammer, den Chef, kümmern. Recknagel führt die Truppe in der „Kaserne“.
Die liegt hinten im Wald. Ein schmuckloses einstöckiges langes Gebäude, in dem eine Hundertschaft Kämpfer lebt. Die Männer trainieren hier für ihre großen Tage. Morgens laufen sie in der kurzen Hose zum drei Kilometer entfernten Fluss, nehmen ein Bad, rennen zurück, frühstücken – dann beginnt ihr Tag.
Sie sind schmerzfrei, stark, national und ohne Zweifel.
Wie Stiere sind sie; wenn man sie jetzt lässt, gehen sie auf jeden los, der ihnen im Weg ist.
Markus Recknagel übernimmt für seine Männer das Denken.
Er deutet auf eine Wand im Gemeinschaftsraum. Die hat er mit Hintergrundkarton tapeziert, am Morgen hat er Parolen in großen Lettern drauf geschrieben.
Die ersten zwei sind vom Söder, sagt Recknagel. Dann habe er, Recknagel, sich so geärgert, dass er nochmal die Rede von der Kanzlerin abgespielt habe.
Die Sätze vom Söder heißen:
PANDEMIE LIEGT BLEISCHWER ÜBER DEM LAND
SCHWERE GEBURT
Dann kommt die Kanzlerin zu Wort. Sie hat in der Nacht vom 22. auf den 23. März (es war gegen drei Uhr morgens) mit schweren Lidern ins Nirwana gestiert und unter anderem gesagt:
DAS VIRUS LÄSST NICHT LOCKER!
WIR SIND WEITER ALS VOR EINEM JAHR
WIR SIND IN EINER ERNSTEN LAGE
KLARE LINIE
RUHETAGE
TEAM HOFFNUNG
BANDBREITE VON TESTS
WIRKSAME IMPFSTOFFE
GEFÄHRLICHERE MUTATION
INTENSIVBETTEN FÜLLEN SICH WIEDER
WETTLAUF MIT DEM IMPFEN
VORSICHT UND FLEXIBILITÄT
STUFENPLAN
UMFASSENDE STRATEGIE
ERNSTE LAGE
SEHR SEHR LANGE UND SEHR NEU GEDACHT
EXPONENTIELLES WACHSTUM
LEIDER VON DER NOTBREMSE GEBRAUCH MACHEN
ZUSÄTZLICHE MASSNAHMEN
DRITTE WELLE, IN DER WIR SIND
WIR STEHEN NICHT VOR IHR, WIR SIND DRIN
VERSAMMLUNGEN UNTERSAGEN
WIR RATEN VON ALLEN REISEN INS AUSLAND AB
REISEN INSGESAMT NICHT SEHR FÖRDERLICH
SCHWIERIGE PHASE
ERNSTER, ABER GUTER GEIST
AUSSERGEWÖHNLICHE ENTSCHEIDUNGEN
„Das hat die Frau wirklich gesagt!“ Markus Recknagel ist schwer angepisst.
„Die beleidigt mich. Die beleidigt uns alle. Wie lange sollen wir uns noch von denen bescheißen lassen? Es reicht.“
Ferdl Ostler sieht den zornigen Mann an. Er bewundert ihn und hat auch ein bisschen Angst. Denn unschwer ist zu erkennen, dass Recknagel und seine Truppe bereit sind.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
