EIS AM FENSTER
TANZ DER VIREN II
Als Hatice im Sonthofener Krankenhaus zur Welt kam – das war im November 1995 -, hatten die Eltern Sorgen. In der Heimatstadt der Mutter, in Dinar, hatte die Erde gebebt. Ein Onkel mit Familie hatte sein Haus verloren, an einem Herbstabend standen vier obdachlose Menschen vor der Tür der Haldertaler Baracke.
Aus der Nachbarhütte lugte die verrückte Alte und kicherte, ohne zu wissen, warum.
Hatices Leute nahmen die Verwandten auf, sie rückten noch enger zusammen. Einen Monat später brachte die Mutter ein gesundes Mädchen zur Welt. Drei Tage nach der Geburt holte der Mann sie und Hatice nach Hause.
In der Baracke von Haldertal blieb es die nächsten Jahre sehr eng. Die beiden Familien teilten sich einen Wohnraum, die Küche, die Badewanne, zwei kleinere Zimmer. Vor den Hütten – es gab eine für die Türken, eine für die verrückte Alte und eine für die Saisonarbeiter im Sägewerk…
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Hatice – es ist ein Februarabend im Jahr 2021 – erinnert sich.
Sie hat eine CD gestartet. Sırrı Murat Dalkılıç, rebellisches dunkles mit Gel gebändigtes Haar, dichte Brauen, wilder kurzer Bart. Nach letzter Illustrierten-Information aus dem Friseurladen (aber das ist schon zwei Monate her) ist der Sänger wieder Single. Ein Traum von Mann, rau und zärtlich, klug (der war sogar an der Uni) und urmännlich. Türkisch und westlich, ein wenig wenigstens.
Sırrı Murat Dalkılıç. Bei Hatice regelmäßig zu Besuch im Wohnzimmer. Und – wenn sie es einmal so pathetisch ausdrücken darf – zu Gast in ihrem Herzen.
Hatice trinkt Tee. Sirri singt von der Liebe, Hatices rechter Fuß wippt den Takt. Sie braucht die Fotos im Album nicht anzusehen, sie hat sie im Kopf.
Und so erinnert sich die junge einsame Frau.
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Ja, bis nach der Jahrtausendwende hat es in Haldertal noch diese drei Baracken gegeben. Lange Flachbauten aus Holz, geheizt wurde mit Holz, das Klo war auf dem Hof, neben der Hütte für die Hühner und Karnickel. Warmwasser kam aus dem Kochkessel. Im Winter hatten die Küche und der Wohnraum Hitze, in den anderen Zimmern blühte das Eis an den Fenstern.
Bei der verrückten Alten ging es genauso erbärmlich zu, bei den Zeitarbeitern sowieso (die hatten kein Interesse daran, es sich wohnlich zu machen, die waren ohnehin auf dem Sprung).
Die Baracken duckten sich am Ortsrand, dahinter ging es in den Wald. Für die Leute aus Haldertal war es, als gebe es die Armenhäuser nicht. Dort redeten die Menschen Türkisch oder ähnliche fremde Sprachen. Und die Alte brabbelte wirres Zeug. Es stank bei den Baracken, die Bewohner horteten Schrott und Sperrmüll, die Hühner rannten über den kleinen Hof.
Den Garten freilich – das musste man den Türken lassen – hatten Ahmed und seine Frau im Griff; was sie pflanzten, wuchs besser als bei den Einheimischen. Die Kinder waren freundlich, heiter und sie sprachen so gut Deutsch wie die Altersgenossen.
Ahmed hatte es im Sägewerk zum Vorarbeiter gebracht, so fleißig und zuverlässig wie er war leicht kein Anderer. Die Kollegen akzeptierten, dass er keinen Alkohol trank. Sie hatten ihn in die Altherrenmannschaft bei den Fußballern aufgenommen, bei den Ringern in der Nachbargemeinde trainierte er den Nachwuchs. Possierlich war es, wenn der schnauzbärtige Fremdling redete – dann klang er wie ein schrulliger Allgäuer.
Aber Ahmed sagte nicht viel. Das Reden überließ er seiner Frau – die zwar nie ohne Kopftuch vors Haus trat, aber sehr schön Deutsch gelernt hatte.
Hatice kam in die Schule und lebte noch immer mit der Familie in einer Baracke, aus der es kein Entkommen zu geben schien.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
