“EINE ZWEITE WELT”
TANZ DER VIREN II
Der Pfleger Albert hat Sorgen. Wo kann er sich am besten auskotzen? Na, am besten bei seinen Irren von der Geschlossenen – dort schämt sich keiner für nix. Und die Vier vom Raucherzimmer sind gute Beicht-Partner.
FRANZ: Na, Albert: Wie isses draußen?
ALBERT: Strange, sehr strange. Habt’s ihn ja grad gehört, den Aiwanger.
JEREMY: Ja, den. Und davor den Söder.
ALBERT: Aha. Ja, der ist schon ein anderes Kaliber. Über den Aiwanger kann man ja noch lachen, wenn der seinen Schmarrn verzapft. Aber der Söder!
FRANZ: Was soll mit dem sein? Der macht doch seine Sache gut.
ALBERT: So sagt man. Ich hab‘ da meine Bedenken.
FRANZ: Wie das?
ALBERT: Gestern war er in der Pressekonferenz. Meine Frau hat sich das angeschaut und gesagt, dass sie ihm kein Wort glaubt. Warum? habe ich gefragt. Sie hat gemeint: „Schau doch mal, wie dem seine Frisur sitzt.“ Häh? habe ich gefragt. „Na, der ist top gestylt. Dabei haben bei uns die Friseure zu, und der Söder hat sagen lassen, dass er Schwarz-Haarschneiden nicht dulden wird. Jetzt ist er aber hergebrezelt wie einer, der sich für die Bunte fotografieren lassen wird. Da stimmt doch was nicht.“ Ich habe meine Frau angeschaut und mir gedacht, dass sie schon ziemlich schlau ist.
FRANZ: Klingt wirklich nicht blöd. Auf was die Weiber so schauen.
ALBERT: Und da ist noch mehr.
LINA: Jetzt erzähl‘ schon, was Dir Sorgen macht.
ALBERT: Ich weiß nicht, ob man das Sorgen nennen soll. Es sind eher so Gedanken, die mir durch den Kopf gehen. Und die ich nicht los werde.
FRANZ: Redst jetzt – oder dauert das noch lang?
ALBERT: Gestern treffe ich unseren Nachbarn. Dem ist vor einem Jahr die Frau weg gelaufen – seitdem schleudert es ihn. Wie er gestern aus dem Lift ist, habe ich gedacht, er legt sich auf die Fresse. Er hält sich an der Wand fest und bemerkt mich. Fängt das Schreien an. „Was? Was? Was?“ Wenn er gekonnt hätte, wäre er auf mich los. Aber er hat sich an der Wand festhalten müssen.
LINA: Hat er seine Frau geliebt?
ALBERT: Wahrscheinlich schon. Sonst wäre er jetzt nicht so beieinander.
JEREMY: Der Nachbar trägt einen Rausch nach Hause – und unser Albert kriegt die Krise. Das ist wirklich „strange“. Unser Albert – der schon die schlimmsten Räusche der Welt gesehen hat.
ALBERT: Das war es nicht. Wenn einer besoffen ist, hab‘ ich doch kein Problem. Aber als ich dem Nachbarn in seine Wohnung geholfen habe, hat er mir eine Geschichte erzählt – die geht mir nicht mehr aus dem Kopf.
FRANZ: Jetzt wird’s endlich spannend.
Die Vier vom Raucherzimmer schweigen. Vom Gang hört man die Geräusche einer Geschlossenen. Eine Pflegerin ruft „Herr Schmalzeder, Telefon“, Herr Schmalzeder ruft „Bin schon da“, übers Linoleum schlurfen hastige Schritte. Irgendwo führt jemand ein Selbstgespräch. Aus der fernen Küche kommt Teller-Klappern. Dann bringt es Albert auf den Punkt.
ALBERT: Sagt der Nachbar doch, dass er kein Problem mit irgendwas hat. Er findet, alles ist bestens. Er hat eine zweite Welt entdeckt, in der alles super ist. Alkohol, Sex, Gastronomie. Und von wegen Masken! Da, wo er hingeht, sagt der Nachbar, da brauchst keine Maske. Dann hat er gelacht und gar nicht mehr aufgehört.
FRANZ: Und? Wo ist das Problem?
ALBERT: Entweder ich sorge dafür, dass sie den Nachbarn zu Euch tun. Oder er hat Recht.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
