EHELICHKEITEN
„2017”*, Folge 72, 28. November. “Durchs Land”/XIV.
München. Wieder der Norden, diesmal makelloser Himmel, gleißende Sonne, trockene Winterkälte, der Jazzer-Kiosk im Englischen Garten macht ein gutes Geschäft mit dick vermummten Stammkunden.
Hier hat Hans Krohn ungezählte Nachmittage hinter sich gebracht. Er hat den Musikern zugehört, die sich in ihre besseren Tage zurück spielten.
Gute Nachmittage hat er gehabt, da glaubte er an seine Zukunft und hatte Bilder im Kopf.
Schlechte Nachmittage gab es, an denen Hans Krohn sich taub machte gegen die Gegenwart. Er wusste, dass er abends über die Brücke schlurfen würde, drüben in der besseren Straße die Wohnungstür aufschließen und horchen, ob sie da wäre.
Wenn die Wohnung leer wäre, könnte er erleichtert zum Kühlschrank gehen und musste sich nicht auf ein ungutes Gespräch vorbereiten. Dann würde er sich Proviant organisieren und für die Nacht in sein Zimmer zurück ziehen.
Wenn er aber aus dem Englischen Garten kam, und sie war zuhause, dann hatte er ein Problem. Ihm fehlte die Gelassenheit für eine folgenlose Unterhaltung. Sie konnte sein Schuldgefühl ausnutzen, er würde dumme Dinge sagen.
Ihre intakte Ehe war schwer zu ertragen.
Sie sind im Urlaub. Wie einfallsreich: Mallorca.
Die beste Zeit haben sie morgens. Hans verlässt das Hotel bei Sonnenaufgang und kommt erst Stunden später vom Sport zurück.
Sie dreht sich noch einmal um, schläft genussvoll eine Stunde. Danach schlendert sie ins Restaurant zum feinen Frühstücken (sie haben sich nicht lumpen lassen. Fünf Sterne – drunter machen sie nicht).
Sie greift sich eine deutsche Zeitung, bedient sich ohne Reue am bunten, überbordenden Büffet. Sie wählt einen Tisch am Fenster, der Kaffee kommt, sie liest in Ruhe Zeitung und lässt es sich gut gehen.
Hans Krohn ist so lange unterwegs, dass er das Frühstück verpasst.
Gut so.
Sie macht sich für den Strand zurecht und verlässt das Hotel. Breitet am noch nicht sehr belebten Ufer das Handtuch aus, lässt alles für ein Buch hinter sich.
Eine aparte Touristin ist sie, wird immer wieder angesprochen. Bis Hans Krohn auftaucht, seine Badesachen in den Sand fallen lässt, sich neben sie legt und hinter einem Buch verschwindet.
Mittags holt einer ein Eis.
Nachmittags wandern sie träge zum Hotel zurück. Sie duschen, ziehen was Nettes an und gehen zu immer dem selben Italiener.
Pizza. Spaghetti. Osso Bucco. Lamm. Tiramisu. Rotwein, zumeist aus dem Piemont. Galanter Kellner. Grappa, ein doppelter für Krohn (das wird er am nächsten Morgen beim Laufen büßen müssen).
Hotel. Deutsches Fernsehen. Buch. Licht früh aus.
„Gute Nacht.“
„Gute Nacht.“
Sie hat Besuch. „Meine Damen kommen heute“, sagt sie, und Hans Krohn ist ohnmächtig.
Verdrücken darf er sich nicht. Er soll ihren Damen die Aufwartung machen. Hand schütteln. Freundlich sein, nicht zuviel reden. Dann in seinem Zimmer verschwinden.
Sie hat es nicht gern, wenn er das Haus verlässt. Nicht zum Sport, nicht für einen Kneipenbummel oder einen Kinobesuch. Sie möchte, dass er in seinem Büro anwest. Das macht sich gut, das zeigt den Damen, dass Krohn ein arbeitsamer braver Hausmann ist.
Man kann ihn vorzeigen.
Er ist also in seinem Büro gefangen und hört sie gackern. Sie süffeln Sekt, zwischendrin ein Schnapserl und werden immer lauter.
Zwei Lager bilden sich im Lauf des Abends:
Die Mütter. Sie reden von scheißenden, zahnenden, erste Wörter sagenden, allerliebsten Kleinkindern.
Und die Nichtmütter. Karriere. George Clooney. Multiple Orgasmen. Keine Orgasmen. Kleine und große Schwänze. Geld.
Sie ist bei den Nicht-Müttern. Und wenn der Abend voran schreitet, wird sie zur Wortführerin. Er hört dann Sätze wie:
„Ja, der Robert Redford. Ein Traum. Den tät‘ ich nicht von der Bettkante runter stoßen.“
Krohn, in seinem Büro, hat das Gefühl, sein Schwanz schrumpft ihm zwischen den Beinen weg, wenn er sie das sagen hört.
Sie haben Freunde zum Essen eingeladen. Die kommen in ein paar Minuten.
Krohn sieht nach dem Roastbeef.
Perfekt.
Wenn sich die Gäste nicht verspäten, wird das Fleisch in Bestform sein. Hans schmeckt den Cassis-Jus – Wurzelgemüse, Wacholder, Piment, Lorbeer, Sternanis, Nelken, Cassislikör) ein letztes Mal ab. Das Karotten-Mandel-Gemüse muss er warm halten, die Bratkartoffeln kommen in die Pfanne. Die Zutaten für die Bratäpfel sind bereit, das Eis ist gelungen.
Perfekt.
Krohn sieht sich froh um. Er hat inspiriert gekocht, der Herd glänzt, die Küche ist aufgeräumt, der Tisch ist gedeckt.
Gut hat er es gemacht.
Er ist ein bisschen stolz.
Sie schaut zur Tür herein. Trägt Abendkleid und Schmuck.
„Was? Du bist noch nicht angezogen?“
„Aber“, sagt er.
„Was, aber?“
„Aber ich muss doch nur die Schürze wegtun, dann passt das.“
„Schmarrn. Du wirst nicht in der Jeans die Tür aufmachen. Geh bitte rauf, ich habe Deine Sachen schon aufs Bett gelegt. Du nimmst den grauen Anzug, der steht Dir gut.“
„Aber…“
„Nix aber. Tu mir den Gefallen und zieh‘ Dich um.“
Er trottet nach oben.
Das Stolz-Sein ist weg.
*“2017“ beginnt in der Kalenderwoche 38 des Jahres 2017 und endet am 31. Dezember. Thema: 105 Tage Deutschland. Unterwegs in der „Heimat“.
