DIE VERGESSENE
berlin, 13.februar 2015
Endlich Sonne. Berlin wird hübsch zum Finale des großen Filmfests. Die Stadt ist angenehm. Übrigens auch dort, wo die Menschen in den letzten Tagen nicht einen klitzekleinen Gedanken an Filme verschwendet haben. Im Wedding trotten sie müde ins Wochenende, die Frauen und Männer, die eine Arbeit haben. Ein Türke bleibt in der Thurneysserstraße vor dem Haus Nummer 3 stehen und blickt zu einer Gedenktafel hoch. “Schöne Frau”, sagt er, “sehr schön. Wer ist sie?” Sie ist nicht – sie war. Die Frau ist auf den Tag genau vor 14 Jahren gestorben. Ihr Leben: ein Film, ohne Happy End.
Doris Wegener hieß sie als freches Wedding-Gör. “Manuela” nannte sie sich, als sie zum Schlagerstar wurde. Da hatte sie den Kittel einer Fabrikarbeiterin zur Seite gelegt. Sie trällerte Liebeslieder, die ins Wirtschaftswunder passten. Sie wurde hofiert und gefeiert. Sie feierte mit und merkte gar nicht, wie sie sich verbrannte.
“Burnout” hatte sie wohl. Keine Kontrolle über den Alkohol, zu viele Tabletten. Sie verschwand eine Zeitlang von den Bühnen, kam wieder auf die Beine.
Kehrte aus der Kur frisch wie ein junges Mädchen nach Berlin zurück. Da war es wieder, das alte freche Lachen: ein kleines Keckern, das zu einer Kaskade der Heiterkeit anschwoll, dann schließlich in ein atemloses Prusten überging. Manuela konnte über Nebensächlichkeiten einen Koller des Frohsinns bekommen, dabei riss sie alle Menschen in der Umgebung mit.
Die Besten in der Branche schrieben der “besten Manuela aller Zeiten” die Lieder auf den Leib. Ihre Platten gingen rasend schnell weg. Sie wurde in die DDR eingeladen und trat bei “Ein Kessel Buntes” im Friedrichspalast auf. Eine Sensation war das: westdeutscher Schlagerstar als Zonen-Star zur besten Sendezeit. Die “Bild” feierte “unseren Friedensengel Manuela”, in der Deutschen Demokratischen Republik waren sie hingerissen. Sogar Honecker soll gesagt haben, dass er die “Göre gern sähe”.
In der Woche nach dem Auftritt gab Manuela dem „Stern“ ein Interview und machte mit dem Spruch “Wat wollt Ihr denn? Bloss wejn der bleeden Mauer hört doch keener von uns auf, ’n Deutscha zu sein” Furore.
Da konnten sie alle nur zustimmen: der Kohl und der Brandt, der Honi und der Strauß. Manuela brachte sie alle zusammen.
Keine „Bravo“ ohne Manuela. Die Zeitschrift hob den “Star aus dem Hinterhof” ein ums andere Mal auf den Titel. Monatelang lockte sie die jungen Leser mit einer Doppelseite im Innenteil, die zusammen mit den anderen Doppelseiten zum Schluss zu einem lebensgroßen Starschnitt verklammert werden konnte.

Manuela war eine reine Frau. Die Unschuld von Berlin. Die verkörperte Sehnsucht junger Mädchen. Manuela lebte das heilige Leben vor. Das hörte sich dann im “Bravo”-Interview so an:
Sabine aus Hannover: Was hast du vor, wenn du einmal nicht mehr so bekannt sein wirst wie heute?
Manuela: Darüber habe ich mir noch keine Sorgen gemacht. Ich hoffe aber, dass ich innerhalb der nächsten zehn Jahre verheiratet sein und viele Kinder haben werde.
Ricarda aus Beiburg: Wieviel Taschengeld hast du mit 13 Jahren bekommen?
Manuela: Du wirst lachen, gar keins. So gut ging es uns damals nicht. Ich bin immer für die Leute im Haus einkaufen gegangen, und dann habe ich hier mal und da mal einen Sechser bekommen. Wenn 50 Pfennig zusammen kamen, war ich schon riesig stolz.
Wolfgang aus Berlin: Was meinst du, kann man mit 22 Jahren heiraten, wenn man sich drei Jahre kennt?
Manuela: Du bist Berliner, wa? Det merkt man. Weeßte, ick bin der Meinung, man kann schon heiraten, wenn man eenen Jungen erst zwee Jahre kennt. Hauptsache: Du weeßt janz jenau, dass ihr euch beide jern habt. Und mit 22 Jahren? Aba selbstvaständlich.
Manuela war für die “Bravo”-Leser die Rettung in einer Zeit, in der unangepasste junge Menschen auf die Straße gingen, einen Rudi Dutschke zu ihrem Messias erkoren hatten und Springers Hochhäuser anzündeten. Die Welt des Stars aus dem Wedding war heil und geschützt. Die Jungen wuchsen wacker ins Mann-Sein, die Mädchen bereiteten sich auf ihre Frau-Rolle vor. Dem “Bravo”-Reporter Dirk Fonda erzählte Manuela in einer großen Serie unter dem Titel “Der Traum aller Mädchen” aus ihrer Wunschwelt:
“„Ich suche Schutz in der Ehe, ich suche Geborgenheit, Sicherheit. Etwas, das mir zu Hause gefehlt hat. Ich war fast immer allein und bin es auch jetzt noch. Ich brauche einen klugen und gütigen Kümmerer, der mir viel abnimmt.
Zum Beispiel das ganze Geschäftliche, die Verträge, das Zeug, von dem ich überhaupt nichts verstehe. Da wäre ich heilfroh, wenn mir das einer vom Hals schaffte.
Dabei fällt mir ein: Mein Mann dürfte niemals auf die Idee kommen, er hätte Manuela, den Schallplatten-Star, geheiratet. Da hätte er die Falsche erwischt. Ich bin kein Star, ich will das nicht. Ich liebe das Einfache, das Natürliche. Ich brauche keine große Show im Privatleben, den tollen Schmuck oder den schnellen Sportwagen. Ich würde es schon ganz prima finden, wenn ich abends mit meinem Mann am Kamin sitze, ein Glas Wein trinke und ein Buch lese, während oben die Kinder schlafen.
Bis jetzt habe ich den Prinzen noch nicht gefunden.
Es sind welche gekommen, aber das waren meistens die Falschen. Die Burschen, die von der eigenen Unwiderstehlichkeit überzeugt sind und meinen, wenn sie auftauchen, fällt jede vor Seligkeit gleich um. Es gibt da beispielsweise einen, das ist ein Schrank von einem Mann, mit anständigem Benehmen und einem guten Beruf. Der ist seit drei Jahren hinter mir her, aber es ist zwecklos. Er ist unsagbar stur. Fast täglich schickt er mir einen Liebesbrief, überschüttet mich mit roten Rosen und macht mir Heiratsanträge. Warum merkt er nicht, dass er mir immer mehr auf den Wecker fällt, je länger er mir im Wege steht? Er tut mir ja nichts Böses, höchstens Leid tut er mir. Das Beste, was er tun könnte: mich in Ruhe lassen.”
Die Sängerin konnte keinen Fuß vor die Tür setzen, ohne umlagert zu werden. In den geräumigen Mercedes mit getönten Scheiben kletterte sie in der Garage. Im Kempinski hatte sie einen eigenen Tisch in der hinteren Ecke der Bar. Dort wurden auch die neuen Millionen-Deals eingefädelt.
Viele wollten etwas von der Frau, die scheinbar ohne Pausen auskam. Viele wussten auch, dass sie ein gefährliches Spiel mit Tabletten und Pülverchen spielte. Aber das taten Andere in der Branche auch. Solange Manuela funktionierte, war doch egal, wie sie es hin bekam.
Sie bekam, was sie wollte – wenn sie nur sang. Manchmal hatte sie Lust auf einen Mann, dann fand sich schon einer aus der Tanzgruppe. Die Affären dauerten eine Nacht, dann war ihr alles zuviel. “Ich muss jetzt arbeiten”, sagte sie. “Ausruhen kann ich mich später.”
Mit ihrem Bruder bewohnte Manuela eine Villa am Schlachtensee. Die Miete war sündhaft, doch das störte nicht. Morgens vor sechs ging sie mit ihrem Hund, einer divenhaften weißen Pudeldame, spazieren – eine junge Frau mit unendlich müden Augen, ungeschminkt, mit ersten traurigen Fältchen an den Mundwinkeln.
Sie sang in Las Vegas, Stammgast im Fernsehen war sie. Dann redete sie – schuld war wohl der Caipirinha – zuviel. Verlor sich an einen Hallodri, der sich ihr “Manager” nannte und das Vermögen eiligst durchbrachte. Manuela verstieß gegen das Schweige-Gebot ihrer Branche, beschuldigte einen Musik-Redakteur des ZDF, Schmiergelder zu verlangen. Danach war sie eine Aussätzige der Szene.
Es waren fürchterliche Jahre des trostlosen Tingelns. Manuela singt ihre Hits zur Eröffnung eines Möbelhauses, Manuela verdingt sich als Promi-Besuch beim Besuch eines unbekannten Geldmenschen. Manuela tritt vor uninteressierten Disco-Menschen auf. Manuela kommt nicht – angeblich ist sie krank, in Wirklichkeit hat sie Alk-weiche Knie.

Einmal noch, mit “Rhodos bei Nacht”, gelingt ihr ein Hit. Sie bringt nochmal eine neue CD heraus – aber da hat sie schon Krebs. Ihr wird ein Tumor am Gaumen entfernt, doch die Metastasen wuchern weiter, eine Chemotherapie schlägt nicht an. An einem 13. Februar stirbt Manuela.
14 Jahre später steht an einem sonnigen Tag ein junger Türke vor dem Haus Thurneysser Straße 3 und sieht zu einer Gedenktafel hoch.
“Schöne Frau. Sehr schöne Frau. Wer ist sie?”
Nicht “ist”.
Wer “war” die Frau?
Ach, ist man versucht zu sagen: “Wer die Frau war? Ist nicht so wichtig. Vergiss es.”
Schon passiert.
