DAHEIM, ENDLICH?
TANZ DER VIREN II
Die Kinder sind’s letzten Endes gewesen, die die Türken-Familie in Haldertal, ganz hinten im Allgäu, eingebürgert haben. Selim hatte das Ringertalent vom Vater und er war ein verteufelt begabter Fußballer. Wurde beim Bolzen immer als Erster in die Mannschaft gewählt, schoss die Schülermannschaft des TSV Heimkirch zu Turniersiegen und Meisterschaften. Die Scouts kamen aus Kempten und Memmingen, aus Ravensburg und Ulm, um sich den schwarzhaarigen Schlaks anzusehen. Er bekam von großen Ringerclubs und von bekannten Fußballvereinen Angebote – aber der Vater wollte nicht, dass Selim so weit in die Welt musste.
Hatice war ein schönes Kind, mauserte sich zu einem wundervollen Wesen. Sie machte gute Laune. Hatice lachte, und die Leute lächelten. Sogar die Grantigen unter den Haldertalern – und im Dorf gab es etliche, die mit allem und jedem ihre Händel hatten – vergaßen ihre schlechte Laune, wenn sie das Türkenmädchen trafen. Hatice war neugierig und unbefangen, sie redete mit jedermann, half, wenn sie konnte. Ihr Deutsch war fein und höflich.
Die Lehrer liebten Hatice aus der ersten Reihe. Eifrig war sie, keine Streberin, in der Klasse diejenige, in deren Umgebung es friedlich zuging. Im Skiclub gewann sie die Rennen der Altersklasse, und die Zweiten waren glücklich, ihre Freundinnen zu sein. Hatice war hübscher, sportlicher, freundlicher als die Anderen – aber keine neidete es ihr.
Die Familie wuchs in die Dorfgemeinschaft. Manchmal ärgerten sich im Sommer die Einheimischen über die Familie aus der Baracke, in der Pilzsaison war das.
Denn die Türken räumten in den Revieren ab. Morgens um fünf fuhr Ahmed mit seinen Leuten hinauf in die Berge. Er stellte den Wagen ab, die Familie ging in Formation einen Waldrücken hinauf und wieder hinunter, sie sahen aus wie ein Spürtrupp der Polizei auf Vermisstensuche.
Nach eineinhalb Stunden hatten sie abgeräumt. Sie schnitten Steinpilze und Pfifferlinge, sonst nichts. Jeden Morgen kamen sie mit vollen Körben zurück, die Mama säuberte die Schwammerl und fuhr sie in die Restaurants der Umgebung. War ein netter Verdienst für Ahmeds Familie – nur die Haldertaler, die erst am Vormittag ausrückten, tappten in den Wäldern frustriert von einer Schnittstelle zur nächsten.
Aber das tat nichts:
Ahmed und seine Familie, die Kanacken, hatten es geschafft.
Wohnrecht in Haldertal. Angekommen.
Hatice war sieben, als der Bürgermeister an die Barackentür klopfte. Es war im Frühling, die Erwachsenen schickten die Kinder zum Spielen.
Nach einer Stunde ging der Bürgermeister wieder. Die Mutter war sehr aufgeregt, der Vater machte ein ernstes Gesicht. Sie sollten jetzt gut zuhören und das, was nun geredet würde, nicht unter den Freunden herum erzählen.
Selim und Hatice nickten.
„Wir bauen. Hier kommt alles weg und unser neues Haus kommt hierher. Das wird sehr schön.“
Die Kinder wussten nicht genau, was Papa sagen wollte. Aber er sah froh aus. Die Mutter hatte jetzt Tränen in den Augen und lächelte dabei.
Dann musste das, was da kommen würde, wohl gut sein.
Im selben Monat wurden die Baracken abgerissen (die verrückte Alte war im Winter gestorben, in der anderen Hütte wohnten keine Gastarbeiter mehr). Die Gemeinde baute ein schönes Einfamilienhaus, im Sommer stand es, und Ahmed richtete den Garten fürs die kommenden Jahre her.
Es war ein großer Luxus. Jeder hatte ein geräumiges Zimmer. Heizkörper gab es und in jedem Raum Steckdosen. Das Wasser war warm, in der Küche stand ein elektrischer Herd neben dem Kühlschrank. Ahmed kaufte eine neue Waschmaschine, Ahmed arbeitete am Haus vor der Arbeit und nach der Arbeit. Die Mutter immer an seiner Seite, sie vertrug das viele Arbeiten nicht und verlor ihre Heiterkeit.
Die Familie verlebte einen ersten Winter im neuen Zuhause. Es gab an den Fenstern keine Eisblumen mehr, man hatte es immer erträglich.
Aber die Wärme von früher war verloren gegangen.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
