COFFEE TO GO
TANZ DER VIREN II
München. Nördlicher Stadtrand.
Nach zehn Kilometern kauft Martin Stäbler an der Tanke einen Kaffee. Das blaue Krankenhaus-Licht der Reklame, die Synthetik-Musik, die Menschenleere im Verkaufsraum und an den Zapfsäulen nehmen dem Ort alles Wirkliche. Der Verkäufer, der den Becher über den Tresen schiebt, ist wohl ein Menschen-Mutant.
Oder übermüdet und abgewirtschaftet. Der Mann hat ein graues Gesicht mit violetten Flecken unter den Augen. Er bewegt sich wie fremdgesteuert.
Ob der weiß, wie Lachen geht?
Kaum.
Vier Tabletten Süßstoff. Kondensmilch bis zur Becherkante. Deckel drauf.
„Servus. Schönen Tag noch.“
Der Humanoide von der Tankstelle murmelt eine Antwort. Dann steht er starr an der Kasse und wartet, bis sich wieder etwas tut in seiner Tankstelle.
Es hat wieder zu schneien begonnen. Ein schneidender Wind treibt harte Flocken vor sich her. Keine Autos auf den Straßen. Schnee legt sich auf die Stufen zur U-Bahn Olympiazentrum, keine Spuren, keine Menschen.
Heißer Kaffee, herrlich. Stäbler trinkt in langsamen Schlucken, während er zügig weiter geht. Nach zehn Minuten ist der Kaffee alle, den Becher wirft Martin in einen Papierkorb, dann setzt er sich wieder in Trab.
Das Laufen fällt leicht. Martin Stäbler hat – so sagte er früher als Sportler dazu – „gute Beine“. Auf dem verschneiten Trottoir haben die Schuhe guten Halt, die Schritte werden weich gefedert, dem Läufer ist warm und angenehm, er atmet in ruhigen Zügen.
Es war eine gute Entscheidung, in der Nacht aufzustehen und das Haus für einen Marathon durch die Stadt zu verlassen. Irene, Martins Frau, hat einen kleinen Zorn bekommen, als er seine Unternehmung ankündigte.
„Muss das sein?“, hat sie gefragt.
„Was hast Du dagegen? Ich…“
„Ach weißt Du, immer machst Du Dein Ego-Ding. Da haben wir es schon schwer genug zurzeit – aber jetzt muss Herr Stäbler sich auch noch selbst verwirklichen. Ich finde es nicht gut, nein, es ist beschissen.“
„Es stört doch keinen. Ich laufe, wenn Ihr pennt. Und beim Frühstück bin ich zurück.“
„Mach doch, was Du willst. Du lässt Dir eh nichts sagen.“
Martin ist früh ins Bett gegangen. Irene hat ferngesehen, sich dann eine Decke geholt und im Wohnzimmer geschlafen.
Auch gut, ihm ist ganz wohl gewesen, allein im Ehebett. Er hat seine Frau nicht vermisst. Ehrlich, er hat es genossen, sich im Halbschlaf umzudrehen und festzustellen, dass der Platz auf ihrer Seite unbelegt war.
Jetzt ist er hier draußen auf den ungastlichen Straßen, in einer halben Stunde wird es hell, ihm geht es frei und gut.
Der Rest renkt sich schon wieder ein.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
