CHEFSACHE
TANZ DER VIREN II
Gestern war der Herr Markus grantig.
„Was haben’S denn, Herr Markus?“, habe ich gefragt.
Er hat gemeint, dass ihm der Fasching abgeht. In den letzten Jahren hat er sich immer so fesch verkleiden können, für den fränkischen Fasching hat er sich aufgebrezelt wie die Heidi Klum und unters Volk gemischt, ein Bier aus dem Steinkrug oder einen Wein ausm Bocksbeutel genommen. Er war die Monroe und der Märchenkönig Ludwig, der Shrek war er und der Homer Simpson.
Das war immer gut für den Herrn Markus, hat er sich erinnert. Da ist er nicht der Streber und der Ehrgeizling gewesen, er hat einen Humor zeigen können und sich für den Orden wider den tierischen Ernst qualifiziert.
„Und jetzt“, sagte der Herr Markus, „was ist jetzt? Faschingsdienstag, und ich muss den Bocksbeutel daheim mit der Gemahlin…“
Ich habe ihn unterbrochen.
„Herr Markus, so dürfen’S nicht denken. Alle müssen daheim bleiben. Aber Sie! Sie dürfen morgen ins Fernsehen.“
Da habe ich ihn gehabt. Klar, er darf am Aschermittwoch zu den Menschen in Bayern sprechen. Was er sagen soll? Und wie er es sagen soll? Ob ich ihm einen Rat geben will?
„Herr Markus, kein Problem. Am Aschermittwoch zeigen Sie, dass der Ministerpräsident auch nur ein Mensch ist.“
Er hat aus der Schublade einen Zettel und einen Stift geholt und notiert, was zu tun ist.
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Gut macht er es. Herr Markus sitzt an dem einfachen bayerischen Esstisch vor seiner Maß Bier und vor dem Brotzeitbrettl und ist er selbst. Ich habe ihm gesagt, er soll lebhaft sein. Mit den Händen fuchteln, sich nachdenklich ins Gesicht langen, ein faltige Stirn haben und dann wieder ganz aufrichtig dreinschauen. Hinter sich an der Wand sind Porträts von FJS und Herrn Edmund. Einmal läuft einer im Rücken von Herrn Markus durchs Bild und trägt ein Schild, auf dem steht:
„MARKUS WIR BRAUCHEN DICH“
Dann begreift es auch der letzte Depp.
„Herr Markus“, habe ich gesagt, „Sie müssen es einfach für die Leute machen. Verstellen Sie sich nicht. Versuchen Sie nicht, nach der Schrift zu sprechen. Seien Sie authentisch.“
Authentisch? Soso. Jaja.
Und wie authentisch er heute am Aschermittwoch ist.
Er erzählt stolz, dass die Bayern alles richtig gemacht haben. Er wird auch weiterhin aufs Volk aufpassen. Da gibt es kein Pardon. Er ist nicht so blöd wie viele andere.
„Ich werde jetzt, wo die Zahlen besser sind, nicht einfach ohne Sinn und Verstand loslaufen und dann feststellen: Wir stehn wieder mal in der Sackgasse.“
Ich habe ihm gesagt, er soll zeigen, wie gut er ist. Also erklärt Herr Markus:
„Wir sind so stolz aufs bayerische Bildungswesen. Man soll ja net überhöhen und sagen ,Mir sen die Besten‘…
Herr Markus kratzt sich in den von einem Experten über die Glatze gekämmten frisch gefärbten Haaren, schaut männlich in die Kamera. Dann besinnt er sich. „Mir sen die Besten? Naja, vielleicht doch. Und eines noch zum Thema:
Einen Kindergipfel wird es geben. Schule mache ich zur Chefsache.“
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Gestern habe ich dem Herrn Markus prophezeit, dass er an diesem Aschermittwoch einen ganz großen Auftritt haben kann. Eine wegweisende Botschaft an die Menschen. Eine Rede fürs Kanzleramt. Er hat sich dann brav auf den Hosenboden gesetzt und nach meinen Vorschlägen die Rede geschrieben.
Gut hat er’s gemacht. Seine Fastenbotschaft muss ins Archiv der Republik. Vor allem die Passage über die Frisöre.
Hier ist sie, Hergottla noch amool, was bin ich stolz auf meinen Herrn Markus.
Jeder macht sich lächerlich über Friseure. Wir diskutieren des auch im Kabinett. Albert Füracker hält das Thema für übertrieben., Hubert Aiwanger sagt, des is ihm egal. Ich hab Verständnis dafür. Übrigens: Meine Haar‘ wachsen auch fürchterlich, man siehts an die Koteletten. Ich wär‘ da auch dankbar für ein Feedback. Soll man sie länger lassen – oder doch schneiden? Feedback wär ganz spannend.
Aber ist das das Entscheidende? Nää!
Mich haben Briefe von älteren Menschen erreicht, die können sich nicht allein die Haare waschen. Die möchten nach zehn Wochen wieder eine Hygiene haben.
Das ist doch verständlich.
Oder ich erzähle Ihnen eine Geschichte, wo es um Würde geht.
Meine Mutter ist 1994 verstorben. Am vierten September. Am 12. August 1994 hatte mein Vater Geburtstag. Das war das letzte Mal, dass wir den gemeinsam gefeiert haben. Zu der Zeit war meine Mutter schon im Krankenhaus. Den Geburtstag haben wir in der Klinikkantine Nürnberg Süd begangen. Und das Wichtigste für meine Mutter war, dass sie sich für ihren Mann hat schön machen können. Und der Krankenhausfrisör hat ganze Arbeit geleistet. Ich weiß noch, wie stolz und glücklich sie war.
Und deswegen finde ich das so unfair, wenn man das jetzt niedermacht. Und schlecht redet.
So redet ein künftiger Kanzler. Und nicht anderst.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
