“BULLE AM BETT”
TANZ DER VIREN II
Samma ehrlich: Es passiert nicht recht viel im zweiten Stock hinter den geschlossenen Türen der Psychiatrie im Osten Münchens. Geweckt wird um sieben, aber da sind eigentlich alle schon auf den Beinen, weil es ihnen im Bett zu fad gewesen ist. Man versammelt sich im Speiseraum, es gibt Fabriksemmeln und Graubrot mit Marmeladen aus der Portionspackung oder Schmelzkäse und Schinkenwurst in Scheiben, es gibt auch Fruchtjoghurt, dazu Kaffee oder Tee, alle Insassen fressen wie verrückt, weil außer dem Fressen nichts geblieben ist (und weil sie so enthemmt fressen und sich nicht nennenswert bewegen, werden sie von Woche zu Woche unförmiger).
Dann…
Dazu kommen wir später.
Momentan – der Nachmittag ist fortgeschritten, die Sonne verschwindet hinten bei der Stadt – haben die Vier aus dem Raucherzimmer eine vergleichsweise unterhaltsame Zeit. Weil der Josef zum ersten Mal die Geschichte seiner Arretierung erzählt. Die ist dann doch recht charmant.
JOSEF: Ich hatte so einen sitzen, da habe ich eben das Messer – ist ja mein bester Kumpel – zum Schlafen mitgenommen. Also, ich wache auf, die Bullen stehen am Bett, und einer fragt, was das denn werden soll. Ich muss mich erstmal einkriegen. Sage, nix soll das werden, was er denn meint, und warum er in meinem Haus vor meinem Bett steht. Er sagt, das tut nichts zur Sache, er hat das Gefühl, dass ich eine Gefahr für mich und für andere bin, man wird mich jetzt erst einmal mitnehmen. Mitnehmen, wohin? habe ich gefragt. Sicher habe ich nicht ganz deutlich gesprochen, aber ich weiß noch, wie die Unterhaltung gelaufen ist.
FRANZ: Die Bullen stehen vor Deinem Bett, Du schläfst mit Deinem Lieblingsmesser, Du hast einen Trumm-Rausch, Arbeit hast auch keine mehr. Was war das denn mit Deiner Frau?
JOSEF: Die hat in der Tür gestanden. War im Kleid – als ob sie ins Theater wollte. Für die Bullen hat sie sich extra etwas Hübsches angezogen. Als ob sie noch auf eine Party wollte. Dabei gibt es ja gar keine Partys, zurzeit. Sie hat nur zugesehen und kein Wort gesagt. Der Polizist hat auf meine Sachen gezeigt, die vor dem Bett lagen und gemeint, ich soll mich anziehen, dann fahren wir. Wohin? Das werde ich dann schon sehen. Ich sehe das nicht ein, habe ich gesagt, ich muss da auch nicht mit, ich kenne meine Rechte. Und warum die Herrschaften keine Maske tragen würden? Und wie das mit dem Abstand sei? Achja? hat er gefragt und die Linke an die Handschellen gelegt. Das mit der Linken weiß ich so genau, weil seine Rechte an der Waffe war.
FRANZ: Was für eine Scheiße.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
