“BRAUCHST AN ARZT?”
TANZ DER VIREN II
Albert, der Pfleger, steckt den Kopf zur Tür rein. Er hat gerade den Spätdienst angetreten und lässt sich überall auf der Station kurz blicken.
Eine guten Kopf hat Albert. Wuchtige Nase, fast ein Zinken – aber das Trumm passt zum Albert, der ein vierschrötiger Kerl ist. Mit seiner Kraft und seinem großen Körper kommt er auch nicht in die Bredouille, wenn einer der Patienten die Fassung verliert und unbändige Wut hat. Der Albert umschlingt dann den Tobenden mit seinen langen Armen und hält ihn so lange fest, bis der erste Zorn verraucht ist.
Doch normalerweise ist der Pfleger ein sanfter Riese. Das Haar hat er zum Pferdeschwanz geknotet, er sieht aus wie ein gemütlicher Kiffer-Gigant. Hat es gerne lustig und ist empfänglich für jeden Witz. Mit ein paar Ärzten versteht er sich – andere und den Professor mag er nicht. In der Regel ist Albert auf der Seite der Patienten. Da unterscheidet er sich von seinen Pfleger-Kollegen. Die mögen die Insassen nicht, manche machen sich eine Freude draus, die Leute zu quälen. So einer ist Albert durchaus nicht. Er kennt die Geschichte von jedem, der bei ihm in der Geschlossenen landet. Er spürt, wer ein Verlorener ist und wer draußen noch etwas mit einer zweiten Chance anfangen kann.
Momentan ist Albert besorgt. Seine Frau hat gerade ein Kind bekommen. Die kleine Familie versucht, sich so gut wie möglich gegen die Krankheit im Land zu wehren. Aber das ist schwer, wenn Du in einem Hochhaus in Neuperlach lebst und ständig Menschen über den Weg läufst, die die Krankheit haben könnten. Albert hat Angst um das Kind und die Frau.
ALBERT: Habe die Ehre, die Herrschaften.
Die Vier vom Raucherzimmer sehen zur Tür und lächeln, sie sehen den Albert immer gern. Das Radio – es redet noch immer Herr Aiwanger, der bayerische Wirtschaftsminister – wird leise gedreht. Die Vier vom Raucherzimmer murmeln im Chor ein freundliches „Servus, Albert“.
FRANZ: Was geht?
ALBERT: Ach, weißt.
FRANZ: Brauchst an Arzt?
LINA: Lass ihn doch.
FRANZ: Warum? Weil ich seh‘, dass es ihm nicht gut geht? Ich kenn‘ mich da aus. Also, Albert: Was ist los?
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
