BILDUNG
TANZ DER VIREN II
Mitte der Woche, heißt’s im Wetterbericht, solle das Wetter im Bayerischen Wald besser werden. Dann sei Frühjahr.
Zeit wird’s. Ferdl mag das Winter-Gefühl nicht mehr.
Am Wochenende hat er sich in dem weitläufigen Haus im Wald eingerichtet und sich heimisch gemacht. Er lebt von jetzt an in einer Einliegerwohnung des Haupthauses, das er nur mit den Grabhammers teilen wird. Einen eigenen Eingang hat er, ein Wohn- und ein Schlafzimmer. Die Küche ist riesig, mit einem großen Esstisch im Erker. Es gibt einen Raum für die Schränke, ein elegantes Bad (da sieht man, dass der Grabhammer vom Fliesen-Fach ist, da hat er nur das Beste vom Guten verarbeiten lassen).
Ferdl hat aus München nur ein halbes Dutzend Bücher mitgenommen. „Du brauchst Dich nicht abschleppen“, hatte sein Spezl und Chef Mischa gemeint, „ich habe eine Bibliothek einrichten lassen, die wird Dir gefallen. Da nimmst Dir raus, was Dir gefällt.“
Das ist am Sonntag auch einer der ersten Wege des Ferdl gewesen: Er ist in die Bibliothek hinüber und hat sich umgesehen. Dazu wummerte aus der Stereoanlage „Störkraft“.
Wird es dunkel und die Nacht bricht heran, / leint er seinen Kampfhund an. / Gemeinsam gehen sie dann auf die Jagd./ und vernichten zusammen die Dunkle Saat. / Die wütende Bestie fest in seiner Hand. / Zitternde Schatten sieht er an der Wand. / Er ist durchtrainiert und abgerichtet, / nur abgerichtet um zu vernichten.
KAMPFHUND! BESTIE AUS FLEISCH UND BLUT. KAMPFHUND! FÜRCHTE DICH UND SEI AUF DER HUT, AUF DER HUT, SEI AUF DER HUT.
Respekt!
Mischa Grabhammer hat seine Bibliothek mit Sorgfalt gestaltet. Akif Pirincci, „Die große Verschwulung“. Michael Klonovsky, „Abendland unter“. Jan van Helsing, „Hitler überlebte in Argentinien“. Michael Grandt, „Vorsicht Enteignung“. Werner Kunze, „Die Moderne in der Bewährungsprobe“. Matthes Haug, „Das Deutsche Reich“…
Aber auch Klaus Schwab, „Covid-19: Der große Umbruch“ und „Die Vierte Industrielle Revolution“…
Alle großen deutschen Klassiker in bibliophilen teuren Gesamtausgaben. Die wichtigen Philosophen und Naturwissenschaftler. Ein wenig seichte Unterhaltung.
In einem fensterlosen dezent ausgeleuchteten Raum mit vier Studiertischen alle vier Wände bis zur Decke von Regalen voller Bücher zugestellt. Nur über der dunklen Holztür das Porträt von Henry Ford. Ansonsten: zehntausend Bücher, mindestens, die meisten nur über fahrbare Leitern zu erreichen.
Er sollte sich ein wenig kundig machen über diesen Mister Ford, überlegte Ferdl Ostler. Das scheint das Vorbild von Mischa zu sein. Kann nicht schaden, wenn man da mitreden kann.
Er zog ein paar Bücher aus den Regalen und nahm sie mit in seine Wohnung. Legte sie auf den Wohnzimmertisch und eines, den „Internationalen Juden“, neben das Bett und dachte:
Zeit zum Lesen hab‘ ich genug. Hier ist doch eh nix los. Außer dass es ein grausliges Wetter hat.
Eh nix los?
Dass er sich da mal nicht brennt!
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
