AUS DER SPUR
TANZ DER VIREN II
Wie benommen erledigt Hermine Angerer ihren Tag. Sie frühstückt zu Ende. Weil Mittwoch ist, schreibt sie einen Einkaufszettel, schiebt mit dem Rollator zum Edeka an der Leopoldstraße. Im Untergeschoss fährt sie die Regale nach dem bewährten Muster ab. Zuerst die Gemüseabteilung, danach Nudeln, Reis und ähnliches, die Milchtheke, Haushaltswaren, Hygiene-Sachen, Naschereien, Wasser und Saft.
Sinnend steht sie vor den Flaschen. Dann tut sie etwas ganz Ausgefallenes (das letzte Mal leistete sie sich die Unerhörtheit, als eine Tochter zu Besuch kam):
Sie kauft Wein. Deutsch, Mainfranken. Eine Flasche. Bocksbeutel. Bürgerspital, Silvaner. Den hat sie gern mit ihrem Mann getrunken. Das erinnerte die Beiden an eine Turtelreise nach Würzburg, noch bevor die Kinder da waren.
Hermine Angerer karrt die Einkäufe nach Hause, rastet eine halbe Stunde. Draußen scheint die Sonne wie verrückt – sie zieht ein leichtes Blouson an, packt eine kleine Flasche Wasser in die Handtasche, sie geht zu ihrer Parkbank, setzt sich in die Wärme und schaut den Menschen zu.
Nein, stimmt nicht:
Sie blickt zu den Frauen und Männern und Kindern hin, aber sehen tut sie sie nicht. Frau Angerer guckt durch alles durch. Es ist der Blick, der nichts mehr hält.
Gedankenlos trinkt sie ab und zu einen Schluck Wasser, schraubt den Verschluss wieder zu, lässt die Flasche in die Tasche gleiten, verschränkt die Hände im Schoß und lässt der Zeit ihren Gang. Weither kommt ein Geläut von Sankt Ursula. Es ist so beruhigend wie das Vibrieren vom Mittleren Ring, das Kläffen zorniger Köter oder das Kindergeschrei von der Wiese. Es ist das Schwabinger Geräusch wie an jedem Tag.
Aber Frau Angerer nimmt das nicht wahr. In ihrem Kopf summt und saust es, die Gedanken haben sich losgerissen, sie verheddern sich, sie verrennen sich, im Kopf von Hermine Angerer ist ein großes Durcheinander.
Um vier hat sie die Park-Sitzung absolviert. Eine halbe Stunde später stehen die Schuhe im Gang an ihrem Platz, das Blouson baumelt am Kleiderbügel.
Sie wird sich jetzt einen Tee machen. Wie immer.
Gebäck dazu. Wie immer.
Fernsehen an. Wie immer.
Ja, das wird sie.
Aber an diesem Nachmittag ist es nicht wie immer.
Der Fernseher bleibt aus.
Hermine Angerer schaltet das Klassikradio an, sie dreht den Verschluss der Weinflasche auf (Gottseidank gibt es keinen Korken, da täte sie sich schwer mit der Kraft). Gießt den Römerkelch (davon hat sie zwei – einen für ihren Habihnselig und einen für sich) ziemlich voll. Hermine trinkt ziemlich durstig (sie war in ihrem Leben ein halb dutzendmal berauscht, bei der Premiere ist sie auch gleich noch entjungfert worden).
Und so entgleitet ihr dieser Mittwoch, an dem sie darüber nachdenkt, ob sie sich impfen lassen soll oder nicht, vollständig.
Am nächsten Morgen kann sie sich nicht entsinnen, wie sie es angezogen ins Bett geschafft hat.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
