ALLES BEIM ALTEN
TANZ DER VIREN II
München. In Hatices Wohnung riecht es nach Apfel. Das kommt von dem aromatisierten Teelicht auf dem Esstisch. Still strebt die Flamme nach oben und wackelt jedesmal ein wenig, wenn Hatice im Fotoalbum blättert.
Die junge Frau sieht Bilder aus dem kleinen Dorf im Allgäu an, wo sie aufgewachsen ist. Haldertal. Südlich davon beginnen die Alpen, im Norden fängt Deutschland an. Hier ist nie viel los gewesen. Die Bauern haben große Höfe mit Waldbesitz und treffen sich wortkarg und misstrauisch im „Ochsen“ am Stammtisch. Da sitzen auch die Kleinhäusler und die Handwerker. Ein paar Asoziale gibt es auch – gerade weil die nichts zu sagen, scheinen sie die Geschwätzigsten von allen zu sein. Und die Arbeiter vom Sägewerk.
Vorm Gasthof strudelt die Halder aus den Bergen nach Deutschland hinein, eine Kirche mitsamt Pfarrer hat das Dorf, ein Gemeindehaus, den Bäcker und einen Gemischtwarenladen.
Stopp! Das mit dem Gemischtwarenladen muss nicht mehr stimmen. Den hat die Frau Lederle geführt, die war schon alt, als Hatice den Ort verlassen hat. Vielleicht ist die Frau Lederle jetzt tot – oder sie hat einfach zugesperrt.
Einkaufen tut die Familie seit Jahren in Heimkirch, der größeren Nachgemeinde, wo Hatice auch zur Schule gegangen ist. Die Mama hat am Telefon erzählt, dass es dort jetzt auch einen Lidl gibt.
Das war bei einem Gespräch vor einem Jahr. Der Vater war unterwegs, die Mama hatte angerufen, es war ein Samstag gewesen. „Er ist beim Ringen“, hatte die Mutter gesagt. „Selim ist in der ersten Mannschaft.“
„Echt? In der Ersten? Sind die immer noch in der Regionalliga?“ Hatice war begeistert.
„Glaube schon. In der Mannschaft ist einer krank geworden, hat die gefährliche Grippe, von der man jetzt immer wieder liest. Der Selim und der Papa sind wie Verrückte. Reden mir immer ins Kochen rein. Eiweiß und Gemüse und so ein Quatsch. Selim sagt, er ist jetzt Vegetarier. Hoffentlich geht das bald vorbei.“
„Nein, Mama, das ist toll. Mein Bruder in der Regionalliga! Richte ihm aus, wie ich mich freue.“
„Ja, das tue ich.“
Dann redeten sie über wichtige Dinge. Hatice erzählte von ihrer Beförderung und von dem Sofa, das sie sich geleistet hatte. „Ist ein bisschen wie das bei uns im Wohnzimmer, weißt Du. Mit hohen Lehnen, so einem Samtbezug, dunkelblau mit Blumen drauf. Ich mach‘ ein Foto und schicke es Dir aufs Handy.“
„Nein Hatice, besser nicht. Ahmed mag das nicht.“
Achja, die Sache mit dem Papa.
Er vergab nicht. Ahmed, Hatices Vater, verbot seiner Frau den Umgang. Er hatte sich von seiner Tochter losgesagt, dabei blieb es.
Ehrensache.
Hatice vergisst weiterzublättern. Sie sieht die Fotos nicht. Nimmt den Apfelduft nicht wahr. Die Flamme des Teelichts wird kleiner und erlischt. Draußen dämmert der Tag weg. Sie sitzt auf dem Sofa und hängt ihren Gedanken nach.
Seit über einem Jahr hat sie das Möbel – und noch hat ein Gast drauf Platz genommen.
Das ist nicht gut.
Der Bruder hat einmal in der Regionalliga gerungen, dann war Schluss mit den Wettkämpfen.
Ein versautes Jahr ist das für ihn gewesen. Jetzt isst er wieder Fleisch und ist sauer.
Der Vater redet noch immer nicht mit seiner Tochter.
Ach, Papa!
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
