DAS GROSSE RINGEN
berlin/hamburg, 12. Februar 2015
Der Passant in Hamburg trifft auf kämpferische Bürger, die Olympia wollen. Die sind “Feuer und Flamme” für die Idee, die Spiele 2024 in ihrer Stadt zu haben. Der Passant in Berlin soll auch über Olympia nachdenken. Ihn fixieren von Werbewänden staatstragende Herrschaften. Die wirken ein wenig bräsig und erklären: “Wir wollen die Spiele”. Berlin oder Hamburg? Wieder einmal steigt ein Showdown zwischen den Städten. Und? Wer wird das Rennen um die Ringe machen?
Der Ober im “Cube”, dem Cafè der Hamburger Kunsthalle, ist ein weltläufiger Mann. In Kürze besucht er Budapest, danach sieht er sich mit den Söhnen bei Ferrari im italienischen Modena um. Wenn er globale Kunst sehen will, streift er durchs Museum. Und den großen Sport – der HSV oder Sankt Pauli stehen ja nicht gerade für “großen” Sport – werden sie ja wohl auch nach Hamburg holen.

Wäre doch gelacht, wenn sie sich nicht die Spiele angeln würden.
Berlin? Als Konkurrent?
Da kichern doch die Hühner.
Was die Bewerbung angeht: Da können sich die angeblich so quirligen Berliner eine Scheibe bei den Hamburgern abschneiden. Die sind ganz begeistert von sich selber:
“Liebe Hamburger, liebe Nordlichter, Moin Moin Deutschland!
Wir haben die einmalige Chance die Olympischen Spiele direkt vor unsere Haustür hautnah zu erleben.
Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) wird im März 2015 entscheiden, ob Hamburg oder Berlin ins internationale Rennen geschickt wird.
Lasst uns aufstehen! Lasst uns allen zeigen, dass wir für Olympia 2024 in Hamburg brennen! Lasst uns die schönste Stadt der Welt endlich mal der ganzen Welt zeigen! Hamburg ist bereit, Hamburg ist wunderschön!
Steigt ein! Macht mit! Ladet Eure Freunde ein mitzureisen! Entzündet Euer Olympisches Feuer im Herzen und steckt damit so viele Menschen wie möglich an. Schnell!”
Das klingt nach Reeperbahn und perfektem Kobern. Der Fischmarkt lässt grüßen. Die Olympia-Aspiranten von der Spree hinwiederum bauen auf politisch-korrektes Vokabular. Preussisch-schnarrend, so soll die Übung gelingen:
“Berlin hat als Stadt die Kraft, begeisternde, nachhaltige und demokratische Spiele zu organisieren. Spiele, wie sie gut zur Stadt, zu den Menschen und zur Olympischen Bewegung passen: modern und weltoffenen, mit Esprit und Kreativität, zum Anfassen und Erleben.
Eine Berliner Olympiabewerbung soll von der Stadtgesellschaft gestaltet und von ihr getragen werden. Wenn Politik und Sport diese Offenheit praktizieren, neue Ideen aufnehmen und alte zur Diskussion stellen, wird ein Konzept entstehen, das den Wünschen der Menschen entspricht und zugleich ein mitreißendes Sportfest garantiert.
Berlin ist ein Magnet für Menschen überall auf der Welt – und gibt der Sehnsucht nach Olympia einen realen Ort. Menschen aus mehr als 180 Nationen leben hier und mehr als 11 Millionen Gäste besuchen jährlich die deutsche Hauptstadt. In Berlin sind Offenheit, Toleranz und internationale Verständigung gelebte Praxis.”

Selbst der alerte Über-alles-Mitreder Gregor Gysi lässt den hüftsteifen Start der Berliner ins Rennen um die Ringe nicht sehr viel geschmeidiger aussehen. Er erklärt: “Mich regt das einfach auf: Immer wenn es um Berlin im Zusammenhang mit Olympia geht, werden diese alten Fotos rausgekramt. Adolf auf der Tribüne. Da muss Neues, Anderes her. Berlin ist die deutsche Hauptstadt und hat sich doch so zum Positiven entwickelt. Mein Gott, denken Sie an die Fußballweltmeisterschaft! Solche Bilder sind es, die wir brauchen!”
Wohl gesprochen, Herr Advokat.
Aber Berlin verlässt sich nicht auf seine Gysis, die Hauptstadt hat Männer wie Günther Jauch am Start. Dessen lässigste Leistung bei der Fünf-Milliarden-Euro-Bewerbung ist das Weglassen der Krawatte, als er sich porträtieren lässt. Dann formuliert er, mal locker aus dem Bauch heraus, warum seiner Meinung nach Berlin die Nummer Eins ist.
“Olympische und Paralympische Spiele können, wie zuletzt in London, großartige Events für Fairness und Völkerverständigung sein. Ich finde es falsch, wenn immer mehr sportliche Großereignisse ausgerechnet von autokratischen Systemen organisiert werden. Berlin als Hauptstadt eines demokratischen Deutschlands wäre ein großartiger Gastgeber für die Spiele.”
Das hört sich doch gut an.
Oder?
Oder vielleicht doch nicht?
Auch die Hamburger haben sich ihre Gedanken über Olympia gemacht. Zum Beispiel Ralf Contag, ein echt lässiger 51-Jähriger. Der braucht nicht viele Wörter:
“Berlin kann nicht, Hamburg kann – und will!”
Punktum.
So redet ein Hamburger, der perfekt berlinern kann.

