MAHLZEIT!
TANZ DER VIREN II, Folge 83
Vielleicht hat er das Talent zum Hungerkünstler.
Er isst immer weniger. Oft weiß er nicht einmal, womit er sich gerade ernährt. Er hat keine Freude an Salz oder Zucker, nichts schmeckt nach etwas.
Klar: Man könnte jetzt meinen, Martin Stäbler hat die Symptome der großen Krankheit. Da verlieren die Menschen auch zuerst den Geschmackssinn und das Riechen.
Aber er ist nicht infiziert. Er hat nur keinen Bock. Auf nix.
Martin Stäbler lächelt verkniffen, während er im Essen stochert. Er hat hier, an diesem bürgerlichen Mittagstisch, nichts zu suchen. Irene, seine Frau, verachtet ihn. Seine Kinder streiten und streiten. Wenn sie sich müde gezankt haben, wechseln sie das Thema und beginnen mit frischen Kräften von vorn. Aus dem Nörgeln und Schimpfen und dem Sich-Beharken kommt neue ungute Energie.
Im Augenblick geht es ums Körperliche.
„Was sind das für blöde Geschichten von Euren Klassenspielen. Du bist doch voll das Weichei.“ Renate fixiert ihren Bruder, voller Hohn. „Du hast es nicht drauf. Wirst immer fetter; bewegen tuste Dich wie so ’n alter Sack. Fußball? Da kann ich nur lachen. Mittags zwei Teller Nudeln, am Nachmittag nebenbei eine Tüte Chips, abends könnte ich kotzen, wenn ich sehe, was Du frisst. Wie so eine Mastsau…“
Irene will die Tochter bremsen. „Halt, Renate, das geht zu weit.“
„Ach“, knödelt Robert, der eine Kugel Spaghetti in sich hinein gabelt. „Lass‘ sie, Mama. Frustrierte Gans. Kann nicht mehr ins Ballett. Spitzentanz, dass ich nicht lache! Wenn Du nicht aufpasst, Schwester, verlernst Du noch das Laufen. Von einer wie Dir muss ich mir nicht erzählen lassen, dass es nicht läuft bei mir. Du traust Dich ja gar nicht mehr raus. Verkriech Dich wieder in Deiner Höhle und heul‘ Deiner Freundin was vor. Gnägnägnä! Keine Party. Kein Tanzen. Kein Shoppen. Gnägnägnä! Heul Doch rein in dein Handy.
Nicht mit mir, nicht mit mir.“
Martin Stäbler kann es sich selbst nicht erklären – aber eines weiß er: Das sind nicht die Menschen, mit denen er sich mal gut gefühlt hat. Die Kids reden nicht mehr wie die Kids damals, in dieser gerappten frechen Sprache, die ihm fremd war, aber die ihm das Gefühl gegeben hat, er sei noch ein bisschen jung, weil seine Kinder ihn dabei sein ließen, wenn sie so redeten.
Jetzt sind ihre Wörter alt, böse und furchtvoll. Stäbler fragt sich – während er Robert und Renate beim Streiten zuhört -, ob sie Träume haben.
Wenn ja, dann erzählen sie den Eltern nichts davon. Manchmal reden Robert und Renate über ihre Zukunft – das ist dann so, als ob sie alles schon hinter sich hätten und jetzt nur noch das Renten-Ding regeln müssten.
Und Irene, die Mutter, sitzt dabei und nickt wissend.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
