BAUCHGRIMM
TANZ DER VIREN II, Folge 80
Um halb acht haben die Kinder das Haus verlassen, um neun klappt in der Küche Irene Stäbler den Computer zu. Der Kaffee ist getrunken, sie schlüpft in den Wintermantel und steigt in die kniehohen Stiefel, nimmt die Schlüssel vom Haken und verlässt die Wohnung.
Irene Stäbler ist jetzt jeden Vormittag beim Einkaufen. Früher hat sie das am Montag und am Freitag erledigt. Wenn Martin frei hatte, begleitete er sie – sie haben beim Lidl und im Bio-Markt die Listen abgearbeitet, danach sind sie ins Café gegangen und haben die Zeit miteinander genossen.
Jetzt flieht Irene – von allem weg – in den Einkauf. Sie will allein sein. Lässt sich durch die Reihen im Supermarkt treiben und freut sich über die kleine Freiheit. Einen Zettel hat sie nicht bei sich – sie packt in das Wagerl, wonach ihr der Sinn steht. Karrt den Kram zum Auto, stopft die Sachen in den Kofferraum, setzt sich ans Steuer. Sie startet den Motor nicht, sie macht Musik und schaut den Leuten auf dem Parkplatz nach. Wenn sie wieder nach Hause kommt, könnte sie kaum berichten, was sie getan hat.
Nachdem Irene die Wohnung verlassen hat, tappt Martin aus seinem Zimmer, endlich hat er die Küche für sich. Er öffnet das Fenster, draußen schneit es schon wieder, die Luft tut ihm gut. Martin hat wegen des Zanks mit seiner Frau eine dauerhafte kleine Magenverstimmung. Das Durchschnaufen hilft ein wenig gegen die Übelkeit.
Kamillentee. Mineralwasser. Zwei Scheiben Graubrot. Hüttenkäse und Marmelade. Eine Banane.
Martin lässt sich nicht gehen. Am Nachmittag joggt er eine Stunde, bei jedem Wetter. Er raucht nicht, trinkt keinen Alkohol, isst kein Fleisch und nichts Fettes. Eigentlich müsste er prima in Schuss sein.
Ist er aber nicht. Morgens steht er mit einem Kater auf. Tagsüber ist er matt und antriebslos. Er mag niemanden sehen, seine Kinder gehen ihm auf die Nerven, mit der Frau streitet er. Oder – und das ist noch schlimmer – sie haben einander nichts zu sagen.
Abends kann er ohne Tabletten nicht einschlafen.
Allzu große Sorgen müsste er sich gar nicht machen. Im Jahr der großen Isolationen ist Stäbler befördert worden. „Martin, es ist erstaunlich, wie Sie das Team führen“, hat der Chef gesagt und ihn zum „Head of Home Office“ ernannt. Da war noch nicht abzusehen, wie lange die große Krankheit die Menschen aus dem Tritt bringen würde. Martins und Irenes Ehe war heil, die Stäblers hatten den nächsten Sylt-Urlaub gebucht – und alles schien auf ein langes friedliches Leben ausgelegt.
Nun alles anders.
Martin ist zwar der Chef bei den täglichen Videokonferenzen, er leitet die Meetings souverän und kompetent. Das Unternehmen schreibt so gute Zahlen wie noch nie, ein Ende des Booms ist nicht abzusehen.
Stäbler arbeitet in der Logistikbranche. Ein Glück für seine Firma, dass man seit einem Jahrzehnt mit Krankenhäusern und Pharmaunternehmen zu tun hat. Nun kann man sich vor Aufträgen nicht retten und hat die Preise dreist nach oben getrieben. Martin Stäbler kennt sich aus mit Wertschöpfungs- und Lieferketten, er ist ein kompromissloser Verhandler, ein Zahlen-Jongleur und Computerkenner. Stäbler ist charmant, eloquent, flexibel.
Und er fühlt sich zuhause im Home Office.
Eigentlich profitiert die Familie Stäbler von Martins Job und von der großen Weltkrise. Eigentlich könnten sie es sich schön machen und für eine helle Zukunft planen.
Doch Martin Stäbler hat Bauchweh, muss zum Frühstück Kamillentee trinken – und er beobachtet besorgt, wie seine Haut dünner und dünner wird.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
