NEIN. NEIN. NEIN.
TANZ DER VIREN II
Die Entscheidung steht fest – Hermine würde gerne den Arzt anrufen und informieren, dass sie sich nicht impfen lassen wird.
Aber das muss sie verschieben. Es ist Karfreitag, die Praxis vom Herrn Doktor ist bis Montag dicht.
Macht nichts. An Hermines Entschluss ändert sich nichts mehr. Sie hat alles hin und her überlegt. Jetzt hört sie die „Matthäus-Passion“ und geht ihre Gedanken noch einmal zufrieden durch.
Sie ist nie eine gewesen, die Verdruss gemacht hat. Hermine Angerer hat 70 Jahre lang Ja gesagt. Als sie aufs Gymnasium wollte und der Vater gemeint hat, das sei nicht vonnöten für ein Mädchen, hat sie die Realschule besucht und sich halt später klaglos an der Volkshochschule fortgebildet. Als der Gatte erklärte, wenn Kinder da seien, habe die Frau im Haus nach dem Rechten zu sehen, ist sie – heimlich heulend – aus dem Beruf ausgeschieden. Weil der Willi nach Südtirol wollte, ist sie nie nach Sylt gekommen. Weil er Museen nicht ausstehen konnte, ist sie allein gegangen. Weil er Volksmusik und Schlager mochte, hat sie Bach und Mozart gehört, wenn er nicht im Haus war.
Dabei hat sie mit der Zeit die Texte und die Bilder allesamt im Kopf gehabt.
Aber beim Traurig-Sein ist ihr niemand beigestanden.
Wir setzen uns mit Tränen nieder
und rufen dir im Grabe zu,
ruhe sanfte, sanfte ruh.
Ruht, ihr ausgesognen Glieder,
euer Grab und Leichenstein
soll dem ängstlichen Gewissen
ein bequemes Ruhekissen
und der Seelen Ruhstatt sein,
höchst vergnügt schlummern da die Augen ein.
Hermine Angerer glaubt an etwas. Sei’s drum, nennen wir es „Gott“.
Sie ist immer sonntags zur Messe gegangen. Alleine, die Kinder wollten nicht mit, und der Mann war beim Frühschoppen.
Als der Mann starb, gab es ein großes Nichts. Einsamkeit, Trauer, Schmerz – wer macht da schon einen Unterschied?
Der Glaube verbietet, dass der Mensch dem großen Schmerz selbst ein Ende bereitet.
Das war hart zu ertragen für Frau Angerer.
Er hilft aus Not,
der fromme Gott,
und züchtiget mit Maßen,
wer Gott vertraut,
fest auf ihn baut,
den will er nicht verlassen.
Immer nur Ja. Die Ärzte beschlossen, ihren Brustkrebs mit einer Chemo zu behandeln. So geschah es, und die letzte Lust entwich dem Körper. Die Doktoren ordneten Impfungen bei den Kindern und Traktierungen am sterbenskranken Mann an – Ja sagte Hermine und bat alle um Verzeihung, die Kinder, den Mann und den Lieben Gott.
Aber Ja hat sie immer gesagt.
Wenn ich einmal soll scheiden,
so scheide nicht von mir,
wenn ich den Tod soll leiden,
so tritt du denn herfür,
wenn mir am allerbängsten
wird um das Herze sein,
so reiß mich aus den Ängsten
kraft deiner Angst und Pein.
Sie hat keine Furcht vor dem Ende.
Angst hatte sie vor der Zeit vor dem Aus.
Eröffne den feurigen Abgrund, o Hölle,
zertrümmre, verderbe, verschlinge, zerschelle
mit plötzlicher Wut
den falschen Verräter, das mördrische Blut.
Dann kam die große Krankheit ins Land. Nie hat sich Hermine Angerer, die soviel über sich ergehen ließ, so schwach gefühlt, nie war sie so kleinmütig.
Der Wolken, Luft und Winden
gibt Wege, Lauf und Bahn,
der wird auch Wege finden,
da dein Fuß gehen kann.
Jetzt ist es genug. Jetzt ist Frau Angerer einmal zu oft beschissen worden.
Impfen. Nicht impfen. Deutsche Medizin. Englische Medizin. Achtung, Inzidenz! Vorsicht, tödliches Virus. Bürgerinnen und Bürger, es ist ernst. Keine Kontakte, Reisen verboten, Masken müssen, Testen ist Bürgerpflicht! Und vor allem: Ja sagen und ansonsten Maul halten!
Blablabla.
Es reicht. Sie lässt sich nicht mehr belügen. Sie ist doch nicht blöd.
Bei allem Respekt, nun möge man sie im Arsche lecken. Sie lebt fortan ihr Leben, zum ersten Mal nur für sich allein.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
