COOLER KATER
TANZ DER VIREN II
Die Morgentoilette ist mühselig, das Frühstück freudlos. Hermine zerkaut mürrisch ihr Marmeladenbrot, der Tee schmeckt nicht, ein wenig übel ist ihr obendrein. Alles in allem ist sie so gar nicht auf der Höhe.
Sie nimmt eine Aspirin, legt sich nochmal hin. Mittags steht eine gesundete Hermine Angerer auf, macht das Bett, duscht, zieht frische Sachen an, tupft Kölnisch Wasser auf Schläfen und Dekolleté.
Es ist immer noch warm, Hermine wählt aus dem Kleiderschrank eine sanftgelbe Jacke und die Handtasche für feine Anlässe. Sie überlegt, ob sie ein Hütchen aufsetzen soll.
Na, das wäre dann doch zu keck!
Beschwingt wandert sie durch Schwabing. Auf der Leopoldstraße kauft sie beim Bäcker einen großen Kaffee und setzt sich damit auf eine Bank am Trottoir.
Hihi, da hat sie aber einen sauberen Schwips gehabt.
Vielleicht hätte sie das öfter mal tun sollen in dieser verteufelten Zeit, als sie wegen der großen Krankheit das Volk eingesperrt haben. Sie hat sich immer gefügt und alles richtig gemacht.
Gestern nicht. Da war sie aufsässig und undiszipliniert.
Schön war’s – soweit sie sich erinnern kann.
Hermina Angerer entsinnt sich, dass sie ein bisschen geweint hat, als im Radio ein Klavierkonzert von Mozart gespielt worden ist (Nummer 21, A-Dur, Köchelverzeichnis 201). So frei ist sie seit Langem nicht mehr gewesen.
Ihre Wohnung hat sie auf einmal geliebt. Die Fotografien der Kinder und vom Mann haben mit ihr zu sprechen begonnen – da hat sie den Bildern einen neuen, einen besseren Platz gegeben.
Huhu, das muss man sich erst einmal trauen.
War ein netter Abend, hoioioi.
Der Kaffee ist sehr belebend, sie hat ja noch nicht viel zu sich genommen seit dem Aufstehen. Ihr ist, als hätte sie gar einen klitzekleinen Sauser.
Nicht dass sie jetzt zur Schnapsdrossel werden würde – die Gefahr gibt es für Hermine nicht. Aber ihr ist nach einer Wiederholung des gestrigen Abends.
Mit einem eleganten Ende.
Beim Edeka gibt es die Piccolöchen im Dreierpack. Das ist gerade recht. Da kann sie entscheiden, wann es reicht, nach einem, zwei oder drei Fläschlein.
Zuhause stellt sie den Sekt in den Kühlschrank, saugt erst einmal die Wohnung durch, wischt Staub, putzt das Waschbecken, trägt den Müll zu den Tonnen. Sie knipst den Radio an, Deutschlandfunk, das ist seriös.
Dann ist der Sekt kühl, dann kann sie sich ein Gläschen einschenken.
Nachrichten.
Bundeskanzlerin Merkel hat die Bürgerinnen und Bürger aufgerufen, Kontakte während der Feiertage zu vermeiden und nicht zu reisen. xxx Bundespräsident Steinmeier ist geimpft worden und wird zu Ostern ans Volk reden. „Gerade jetzt im Angesicht der dritten Welle ist nicht die Zeit für Resignation, Verzweiflung oder Abrechnung.” xxx Selbsttests für Schüler werden in immer mehr Ländern verpflichtend sein. xxx Die Impfungen in den Arztpraxen sollen nach Ostern beginnen – das hat Gesundheitsminister Spahn angekündigt. Für die erste Woche haben 35000 Hausarztpraxen 1,4 Millionen Impfdosen bestellt. xxx Die Bundesregierung erwägt laut “Wirtschaftswoche”, auch Tierärzte in die Impfkampagne einzubinden. xxx „Der Schutz beim Impfen ist gut“ hat Gesundheitsminister Spahn erklärt. “Wir sind in der dritten Welle und sollten jeden schützen, den wir schützen können – schnellstmöglich.”
Blablabla! Denkt Hermine Angerer.
Blablabla!
Prost.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
